Künstliches Fleisch
Der Burger, der aus der Zelle kam

Wissenschaftler haben aus Stammzellen einer Kuh Fleisch hergestellt, das in Geschmack und Konsistenz überzeugt. Eine industrielle Fertigung wäre möglich, die Frage bleibt: Würden die Menschen das Fleisch aus der Retorte essen?
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„Wir werden von dem Aberwitz abkommen, ein ganzes Huhn zu züchten, um die Brust oder den Flügel zu essen, und diese stattdessen in einem geeigneten Medium züchten.“ Dieser Satz stammt nicht von einem Vertreter der modernen Fleischindustrie. Sondern von Winston Churchill – im Jahr 1932. Der britische Staatsmann ahnte schon damals, dass unsere Fleischerzeugung sich wandeln muss. Inzwischen haben sich neben der Ineffizienz längst weitere Probleme von Massentierhaltung und Fleischkonsum gezeigt: Die Abfälle, der Flächenbedarf, die Gesundheit von Tieren und Verbrauchern, die Klimaerwärmung und nicht zuletzt die fragwürdige Ethik unseres Umgangs mit dem Vieh. Über 80 Jahre blieb Churchills Voraussage unerfüllt, doch jetzt sieht es so aus, als könnte sie wahr werden.

Im vergangenen Jahr präsentierten niederländische Forscher den ersten künstlich hergestellten Hamburger – ein Rinderhackbällchen, für das kein Tier hat sterben müssen. Die Kühe haben es kaum gemerkt, als ihnen zwei Gewebeproben entnommen wurden. Forscher um Mark Post von der Universität Maastricht isolierten Stammzellen aus dem Muskelgewebe und ließen sie in einer Nährlösung zu vielen kleinen Muskelstreifen wachsen, die sie letztlich übereinander schichteten und mit Brotkrumen, Ei, Safran und Rote Beete-Saft zu einer Frikadelle brieten.

„Ketchup wäre schön gewesen“, urteilten die beiden Testesser Hanni Rützler, Expertin für Lebensmitteltrends aus Österreich, und US-Ernährungsautor Josh Schonwald bei der Präsentation. Ein wenig trocken sei der Burger auch, weil ohne Fettzellen gezüchtet. Aber ansonsten komme er echtem Fleisch erstaunlich nahe.

Im Prinzip erscheint die Herstellung von künstlichem Fleisch also machbar. Zwar hat dieser erste Klumpen noch rund 250.000 Euro gekostet, der Preis dürfte jedoch durch  Prozessoptimierung erheblich sinken. Theoretisch könnten dann aus einer Handvoll Zellen zigtausend Tonnen Fleisch gezüchtet werden. Die Frage ist nur: Würden die Menschen es überhaupt essen wollen?

Der Schöpfer der ersten Labor-Bulette Mark Post ist davon überzeugt, zu groß seien die Vorteile. Eine Analyse der Universität Oxford hat ergeben, dass eine industrielle Herstellung von Laborfleisch im Vergleich zu herkömmlichem europäischem Fleisch 99 Prozent weniger Land und je nach Tierart 7 bis 45 Prozent weniger Energie sowie 82 bis 96 Prozent weniger Wasser verbrauchen würde, die Einsparung von Treibhausgasen läge zwischen 78 und 96 Prozent. Außerdem bräuchte es keine Antibiotika, um das Fleisch gesund zu halten, Die Keimbildung könnte vielmehr genau überwacht, die Zusammensetzung des Fleisches sogar gezielt variiert werden, um bestimmten kulinarischen oder gesundheitlichen Bedürfnissen zu entsprechen.

Und auch der Fettgehalt wäre vom Prinzip her beliebig, obwohl Fettzellen schwieriger zu züchten sind als Muskelzellen. „Angenommen, in einem Supermarkt liegen zwei Stücke Fleisch, die genau gleich aussehen und bekanntermaßen genau gleich schmecken“, sagt Mark Post. „Das eine stammt aus dem Labor, das andere von der Kuh. An dem Laborstück kleben Gütesiegel wie 'umwelt- und tierfreundlich hergestellt', an dem von der Kuh nicht. Trotzdem ist das von der Kuh viermal so teuer, weil die Zucht viel länger dauert. Zu welchem Stück greifen Sie?“

Für Mark Post ist die Antwort klar. Für den Verbraucher aber nicht unbedingt. Eine  repräsentative Untersuchung dazu gibt es nicht, nur einige kleine Umfragen verschiedener Medien anlässlich der Hamburger-Präsentation. Laut diesen würden zwischen 63 und 75 Prozent Fleisch aus der Retorte zumindest probieren. Dennoch beschleicht viele ein Unbehagen, weil da ein Naturprodukt nun im Labor entstehen soll. Der Begriff „Frankenfleisch“ macht bereits die Runde.

Zu Unrecht, finden die Befürworter, die vor allem unter Forschern, Tierrechtlern und Ethikern zu finden sind. „Kulturfleisch ist genauso unnatürlich wie Brot, Käse, Joghurt und Wein“, schreibt die Laborfleisch-Forschungsorganisation New Harvest auf ihrer Internetseite. „Bei allen werden natürliche Rohstoffe verarbeitet.“ Dem pflichtet der Bioethiker Iain Brassington von der University of Manchester bei: „Wer auf Essen, das aus der Beeinträchtigung von Natur herrührt, komplett verzichten will, wird wahrscheinlich ziemlichen Hunger leiden.“

Vielmehr, so die Lobby, sei künstliches Fleisch eher akzeptabel als eine Viehhaltung, wo Tiere am Fließband mit Tierresten und Medikamenten gemästet und am Ende im Akkord geschlachtet werden. Vor allem das daraus resultierende Billig-Fleisch sollte durch das neue kultivierte Fleisch ersetzt werden. Regionale Spezialitäten und die ökologisch extensive Viehwirtschaft dagegen könnten bleiben. Und damit Nutztierhaltung weiterhin eine Perspektive haben.

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