Medikamente
Teurer ist nicht gleich wirksamer

Milliarden gehen den Krankenkassen wegen hochpreisiger und patentgeschützter Medikamente verloren – und die Rechnung bekommen letztlich die Versicherten. Eine Kosten-Nutzen-Analyse soll die Verluste eindämmen.
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BerlinDie gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland könnten pro Jahr geschätzt zwei Milliarden Euro sparen, wenn auf dem Markt befindliche, patentgeschützte Medikamente konsequent einer Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen würden. Das ist das Ergebnis einer Studie des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen für die Techniker-Krankenkasse (TK). „Das Geld bezahlen nicht die Krankenkassen, sondern letztendlich die Versicherten“, mahnte TK-Chef Jens Baas am Mittwoch in Berlin.

Seit 2011 das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarkts in Kraft trat, werden neue Medikamente nach der Markeinführung frühzeitig vom Gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen überprüft. Stellen die Gutachter keinen Zusatznutzen gegenüber Vergleichstherapien fest, können die Pharmakonzerne den Preis nicht mehr frei bestimmen. Ziel des Gesetzes ist es, die Arzneimittelkosten einzudämmen. 2013 machten sie mit 30,3 Milliarden Euro knapp 17 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Kassen aus. In der ersten Hälfte dieses Jahres sind sie gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 8,8 Prozent angestiegen.

Den Einspareffekt durch die frühe Nutzenbewertung beziffert Studienleiter Gerd Glaeske von der Universität Bremen auf rund 200 Millionen Euro. Ungleich größer wäre er, würden auch patentgeschützte Medikamente, die noch kurz vor Inkrafttreten des Gesetzes auf den Markt kamen, auf ihre Kosten-Nutzen-Relation überprüft. Allein für die von seinem Team untersuchten 17 Arzneimittel aus drei Wirkstoffgruppen rechnet Glaeske mit einem Einsparpotenzial von bis zu 900 Millionen Euro.

Ursprünglich wollte der Gesetzgeber die Nutzenanalyse auch auf den sogenannten Bestandsmarkt ausdehnen, war aber wegen juristischer Bedenken davon abgerückt. Dass die Regierung ihre Meinung noch ändern könnte, erwartet TK-Chef Baas nicht. Umso wichtiger sei es aber, Ärzte für eine vernünftige und rationelle Verordnungsweise zu sensibilisieren. Dabei solle die Vergleichsstudie helfen.

So hat das Bremer Forscherteam nach Auswertung von Studien etwa bei den untersuchten neueren Diabetes-Mitteln keinen Zusatznutzen für Patienten feststellen können, obwohl sie bis zu 18-mal teurer sind als die günstigste herkömmliche Vergleichstherapie. Zwei Pharmakonzerne haben ihre Präparate bereits vom Markt genommen, weil sie ihre Preisvorstellungen nicht durchsetzen konnten. „Dem Hersteller fehlt der Umsatz, aber den Patienten fehlen die Arzneimittel nicht“, sagte Glaeske. Denn es gebe ja genügend ebenso wirksame, aber oft billigere Alternativen.

Baas will Ärzte mobilisieren, aus einer Wirkstoffgruppe mit therapeutisch gleichwertigen Alternativen die günstigste zu wählen – so wie etwa mit dem „Rheumavertrag“ seiner Krankenkasse. Bei der nachträglichen Nutzenbewertung gehe es aber nicht nur ums Geld, sondern auch um die Versorgungsqualität, betonte der TK-Chef. Aufgrund fehlender Direktvergleiche könnten Ärzte bisher oft gar nicht feststellen, welcher Wirkstoff besser oder schlechter für eine Therapie geeignet sei. Auch könnte eine nachträgliche Nutzenbewertung Gesundheitsrisiken aufdecken, die erst nach der Zulassung eines Medikaments erkennbar werden.

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