Nahrungsergänzungsmittel
Das Geschäft mit den Vitaminen

Jeder dritte Deutsche nimmt Nahrungsergänzungsmittel, Tendenz steigend. Für die Anbieter bedeutet das immer höhere Umsätze – aber auch neue Konkurrenz aus der Pharmabranche.
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TeneriffaSan Juan auf Teneriffa: Sonne, 25 Grad. Auf einer Plantage neben Bananenstauden und Geraniensetzlingen steht Peter Hartig und begutachtet seine sechs neuen Algen-Aufzuchtbecken. Der Wissenschaftler und Inhaber der 2002 gegründeten BlueBioTech International aus Kollmar an der Elbe hat vor einem Jahr gemeinsam mit zwei Forscherkollegen ein Tochterunternehmen auf der Ferieninsel gegründet, um aus der Blutregen-Alge Astaxanthin zu gewinnen, die Entzündungen bekämpfen soll. Die Bedingungen seien ideal für diese Wasserpflanze. „Wir können hier praktisch alle zwei Wochen ernten, doppelt so häufig wie in unseren Forschungsbecken in Büsum.“

Jeder dritte Deutsche greift zu Nahrungsergänzungsmitteln wie Vitaminpräparaten, Pflanzenextrakten oder Kapseln mit Omega-3-Fettsäuren, zeigt eine aktuelle Forsa-Umfrage und gibt dafür bis zu 300 Euro im Jahr aus. Rund sechs Milliarden Euro setzt die Branche jährlich in Europa um. Etwa vier Milliarden Euro davon werden laut Jörg Grünwald, Chef des auf Nahrungsergänzungsmittel spezialisierten Beratungsunternehmens Analyze and Realize in Berlin, in Deutschland erwirtschaftet. Dass der Markt jährlich um drei bis fünf Prozent wachse, liege an der „demografischen Entwicklung und dem steigenden Gesundheitsbewusstsein“.

In dem jungen Segment tummeln sich wenige große Anbieter wie Abtei, Klosterfrau und Queisser Pharma (ehemals Doppelherz) sowie Hunderte kleinere Betriebe. Weder auf der Verpackung noch in der Werbung dürfen die Hersteller und Händler Versprechen zur Heilung von Krankheiten machen. Wer sich nicht daran hält, wird von Pharma- und Chemieunternehmen abgemahnt, um die gesetzlich festgelegte Abgrenzung zu ihren Medikamenten zu unterstreichen. Verkauft werden die Nahrungsergänzungsmittel rezeptfrei in Apotheken, Drogerien, Supermärkten, Reformhäusern, im Internet und über das Fernsehen. „Für uns ist Teleshopping über HSE 24 der wichtigste Absatzkanal“, erläutert Hartig. Wenn der Firmenchef auf dem TV-Bildschirm seine Produkte erklärt, klingeln in der Zentrale die Telefone. In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Umsatz auf acht Millionen Euro verzehnfacht. Zwölf Millionen Euro werden es in diesem Jahr sein.

Das Internet gewinnt beim Absatz immer mehr an Bedeutung. Lediglich im stationären Handel sucht man die Produkte von BlueBioTech vergeblich. „Der Aufwand wäre für uns derzeit nicht effektiv“, erklärt Hartig die Abstinenz. Preisverhandlungen mit Händlern und Apothekern seien zu komplex, die geforderten Provisionen zu hoch. „Das Geld ist in der Forschung und in der Entwicklung neuer Produkte besser eingesetzt.“ Kontrolliert werden Erzeuger von Nahrungsergänzungsmitteln in Europa genauso streng wie traditionelle Lebensmittelhersteller von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Hartig lässt seine Produkte zusätzlich von einem unabhängigen Lebensmittel-Prüfungsinstitut TeLa in Bremerhaven analysieren. Sollte die Nachfrage nach den Algen weiter wachsen, lässt sich die Farm problemlos vergrößern. Möglich wäre die Expansion, weil der traditionelle Tomatenanbau auf Teneriffa nicht mehr lukrativ ist.

Auch die Firma Bärbel Drexel aus dem Schwäbischen Baar mischt mit 170 Mitarbeitern auf dem Markt für natürliche Nahrungsergänzungsmittel mit. Die Schwaben setzen genau wie Hartig auf das Motto „nur naturreine Zutaten“. Und auch die süddeutsche Produktpalette wurde aufgrund der großen Nachfrage nach Astaxanthin erweitert: Neben Naturkosmetik, Vitaminen und Spurenelementen vertreibt das Unternehmen einen Astaxanthin-Energy-Drink und Kapseln, die mit Algenextrakt, Distelöl, Kupfer und Vitamin E die Energieleistung fördern sollen.

Neue Konkurrenz erwächst Drexel, BlueBioTech und Co. aus der Pharmabranche. BASF hat den norwegischen Vitamin-Produzenten Pronova im Januar für gut 680 Millionen Euro gekauft. Die Company stellt unter anderem Omega-3-Fettsäuren her. Der Leverkusener Bayer-Konzern wollte den US-Vitaminhersteller Schiff für eine Milliarde Dollar übernehmen. Doch der britische Konsumgüterkonzern Reckitt Benckiser bot mehr und bekam den Zuschlag.

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