Personalisierte Krebstherapie
Patienten testen Medikamente an Mäusen

In den USA gibt es einen neuen Trend: Krebspatienten lassen Medikamente an Mäusen testen, um das wirksamste Mittel zu finden. Doch Wissenschaftler warnen vor zu hohen Erwartungen.
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Krebspatienten leben zwischen Angst und Hoffnung. Nun versuchen einige von ihnen, die Initiative zurück zu gewinnen. Sie lassen auf eigene Kosten in Laboren Krebszellen auf Mäuse übertragen und Medikamente testen - in der Hoffnung, die wirksamste Chemotherapie mit den geringsten Nebenwirkungen zu finden.

Diese personalisierte Therapie sei die Zukunft, glaubt Brustkrebspatientin Eileen Youtie. „Ziel ist es, Chemotherapien auszuschließen, die für mich nicht wirken. Ich möchte keine Zeit vergeuden und meinen Körper vergiften.“

Hunderte Patienten haben in vergangenen Jahren in den USA diesen Weg gewählt. Allerdings gibt keine Garantie, dass auf damit wirklich die beste Therapieform entdeckt wird. „Es gibt nicht genug wissenschaftliche Untersuchungen“, gibt Len Lichtenfeld vom Amerikanischen Krebszentrum zu bedenken.

Einige ermutigende Studien gibt es aber doch. In einer wurden Medikamente für 70 bereits behandelte Patienten an Mäusen nachgetestet. Studienleiter Andrew Gaya berichtete im September auf einer Konferenz, rund 70 Prozent der Tests hätten die Medikamenten-Empfehlungen für die Patienten bestätigt.

Letztlich müssen Patienten mit ihren Ärzten selbst entscheiden, ob sie Hoffnung auf die neue Methode setzen. Denn die Tests an Mäusen kosten 10 000 US-Dollar (etwa 8000 Euro) und mehr, die von den Krankenkassen nicht bezahlt werden. In der Regel dauert es einige Monate, bevor die Ergebnisse vorliegen und die Patienten mit der Therapie beginnen können.

„Ich sehe die Versprechungen, aber es ist sehr zeitintensiv und teuer“, sagt Alana Welm vom Krebs-Forschungszentrum in Oklahoma. Für den Durchschnittspatienten werde deshalb die herkömmliche Krebstherapie empfohlen.

Es gibt mehrere Labore, die Mäuse für solche onkologischen Tests züchten. In Baltimore zum Beispiel werden rund 7000 Mäuse in sechs Räumen gehalten. Das Labor erinnert an einen Lagerraum eines Schuhgeschäfts. An jeder Box befinden sich die Namen der Krebspatienten. Die meisten Mäuse sind weiß und Weibchen. Manche leben allein in Boxen, während andere übereinander gepfercht sind. Einige sind geschoren. An den mit Krebszellen infizierten Stellen wachsen Tumore.

Krebspatienten schicken an das Labor eine Tumorprobe, was sie rund 1500 US-Dollar kostet. Hinzukommen 2500 US-Dollar pro Medikamententests. Die meisten Patienten ließen drei bis fünf Arzneimittel an den Mäusen ausprobieren, so dass sich die Kosten auf bis zu 12 000 Dollar summieren, sagt die medizinische Leiterin des Labors, Angela Davies.

Patientin Youtie hat sogar rund 30 000 US-Dollar ausgegeben. Sie wolle, dass verschiedene Medikamente getestet würden, auch für andere Krebsarten, sagt sie. Das half auch Yaron Panov aus Toronto. Bei dem 59-Jährigen wurde vor vier Jahren ein Liposarkom, ein bösartiger Tumor im Weichteilgewebe, diagnostiziert. Ihm wurden keine besonderen Medikamente empfohlen. „Mir wurde nur gesagt, dass ich noch sechs Monate zu Leben habe“, sagt Panov.

Das erste an den Mäusen getestete Medikament schlug nicht an, dafür aber ein zweites, das normalerweise zur Behandlung von Darmkrebs verwendet wird. „Es zeigte bei der Maus Wirkung und so wusste ich, es wird auch mir helfen“, war sich Panov sicher. „Ich hatte solch ein starkes Vertrauen.“ Das mache es auch leichter, die Nebenwirkungen zu ertragen, betont Panov. Sein Tumor hat sich tatsächlich zurückentwickelt.

Der 71-jährige Reuven Moser aus Tel Aviv sagt, es sei „sehr beruhigend“ gewesen zu sehen, wie die Mäuse reagiert hätten. Seine gegen Darmkrebs verschriebenen Medikamente seien eine gute Wahl gewesen. Mosers Mäuse wurden im Februar gezüchtet und er ist immer noch in Behandlung.

Einige Wissenschaftler verweisen jedoch auf Schwächen der Mäusetests. So sagt Benjamin Neel, Forschungsdirektor am Prinzessin Margaret Krebs-Center in Toronto, die Tumor-Transplantate würden unter der Haut der Tiere eingepflanzt - normalerweise nicht der Ort, wo der Tumor auftritt, wenn es etwa um Lungen- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs geht.

Mäuse hätten zudem ein anderes Immunsystem als das menschliche, sodass sie manche bösartigen Tumore tolerieren könnten. Somit werde nicht deutlich, wie eine Behandlung bei einem menschlichen Organismus anschlägt, meint er. Dennoch sieht auch Neel einen Mehrwert, zumindest bis andere Testmethoden im Reagenzglas entwickelt seien.

Auch für Brustkrebspatientin Youtie schienen die Mäusetests eine gute Wahl. Als Ergebnis seien ihr zwei Medikamente vorgeschlagen worden. Sie wählte eines aus und beendete kürzlich ihre Chemotherapie. Derzeit bekommt sie Bestrahlungen. Dass sie für die Tests Mäuse benutzt hat, weckt bei der Patientin keine Schuldgefühle, wie sie sagt. „Tiermissbrauch? So sehe ich das nicht.“ Es gehe um den Versuch, ihr Leben zu schützen.

Agentur
ap 
Associated Press / Nachrichtenagentur
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