Schneller, besser, preiswerter?
Wenn die Krebsdiagnose aus Indien kommt

Immer häufiger setzen Kliniken auf Teleradiologie – die Befunde kommen aus Tausenden Kilometern Entfernung, aus Indien, Osteuropa oder China. Doch Ärzte warnen: Im Mittelpunkt muss immer noch der Patient stehen.
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Es ist stockdunkel in dem winzigen, kaum einen Meter breiten Raum, als der Radiologe der Charité in sein Mikrophon spricht: „Frische Ischämie rechts frontal. Darüber hinaus vaskulär-ischämische Läsionen beidseits occipital.“ Kaum sind die Worte gefallen, tauchen sie als Text auf einem Monitor auf. Eine Spracherkennungssoftware macht es möglich. Keine fünf Minuten, dann ist der Befund zu den MRT-Bildern verfasst. Der Radiologe klickt die Bilder weg und öffnet die nächsten Schwarz-Weiß-Aufnahmen eines Gehirns. Auch diesen Patienten hat er nie zu Gesicht bekommen.

Muss er auch nicht. Radiologie funktioniert sogar aus Tausenden Kilometern Entfernung, hat sich der gebürtige Inder Biju Thomas Mathew gedacht, der als Kardiologe am Katholischen Klinikum Ruhrgebiet Nord arbeitet. 2010 hat er das Unternehmen Heidelberg Medical Consultancy in Indien gegründet, das Hirnscans, Röntgenaufnahmen und Mammografien rund um den Globus auswertet. Die Befunde schreiben über 100 indische Radiologen - als Freiberufler. Nur fünf Festangestellte arbeiten für das Teleradiologie-Start-up.

Mathew ist mit seiner Geschäftsidee nicht alleine. Dutzende Unternehmen in Osteuropa, China und Indien suchen nach Tumoren und Schlaganfällen in den Bildern von Patienten aus den USA, Australien und Europa. Und es werden ständig mehr. „Die Radiologie hat die Chance, die erste globale Medizin überhaupt zu werden“, freut sich der Präsident der Deutschen Röntgengesellschaft, Michael Forsting.

Beim jüngsten Röntgenkongress schwärmte er gar: Teleradiologie „ist eine Antwort auf den Nachwuchsmangel, sie ist eine Antwort auf Versorgungsprobleme“. Denn jedes Jahr wächst die Zahl radiologischer Untersuchungen in Deutschland um zehn Prozent. Aber nur zwei bis drei Prozent neu ausgebildete Radiologen rücken nach. Vakanzen können nicht besetzt werden. Schon jetzt arbeiten kleinere Kliniken mit größeren Krankenhäusern zusammen, um der Bilderflut Herr zu werden. In der Nacht und bei hohem Krankenstand schicken sie die Aufnahmen verschlüsselt durchs Netz. Einige Krankenhäuser greifen sogar rund um die Uhr auf die Ferndiagnose zurück: etwa das Stiftungskrankenhaus im schwäbischen Nördlingen und das Kreisklinik Unterallgäu in Mindelheim.

Noch sitzen die Teleradiologen in der nächstgrößeren Stadt. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie die Befunde aus dem Ausland mailen, ist sich Forsting sicher und macht dies an einem anderen Trend fest. „Die Krankenhäuser schließen sich zu Klinikketten zusammen. Spätestens, wenn die erste internationale Kette entsteht, wird auch die Radiologe global.“ Das Potenzial ist in seinen Augen gigantisch, zumal alleine China über 60.000 Radiologen verfügt. Dagegen zählt die Deutsche Röntgengesellschaft gerade mal 7.000 Mitglieder.

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