Spätes Erwachen
Neuer Test für Wachkoma-Patienten entwickelt

Mit Nonsens-Sätzen versuchen Bielefelder Hirnforscher, die Heilungschancen von Wachkoma-Patienten zu erkennen. Wer auf den Unsinn reagiere, habe höhere Chancen, wieder aufzuwachen.
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Bielefeld/Berlin/AmbergEinige Wachkomapatienten zeigen ungewöhnliche Hirnreaktionen. Ein Forscherteam will daraus nun auf deren künftige Entwicklung schließen. „Der Patient mit dieser Messkurve ist später wieder aufgewacht“, sagt Inga Steppacher und zeigt auf das Kurvendiagramm auf dem Tisch vor sich. „Wir nennen das "das mentale Hä".“ Deutlich ist der starke Ausschlag zu erkennen, der zeigt, dass der Wachkomapatient auf eine unlogische Wortkombination wie „Paul trinkt seinen Kaffee mit Zucker und Socken“ mit einer Veränderung der Gehirnströme reagiert hat.

Weit über 100 solcher Diagramme hat die Neuropsychologin ausgewertet, um herauszufinden, ob sie etwas über die Heilungschancen von Patienten mit dem sogenannten apallischem Syndrom aussagen. Unlogische Satzenden sorgen für jede Menge Aufregung im menschlichen Gehirn. Das sucht nämlich automatisch nach einem Sinn - und schlägt mentale Purzelbäume, wenn es keinen findet.

Auch manche Patienten, die im Wachkoma liegen und anscheinend nichts von ihrer Umwelt mitbekommen, reagieren mit starken Schwankungen der Gehirnströme auf Nonsens-Sätze. Das zeigten die Kurvendiagramme vieler akuter Wachkoma-Patienten der Kliniken Schmieder in Allensbach am Bodensee. Die Mediziner der Reha-Klinik hatten zehn Jahre lang ihren Wachkoma-Patienten unterschiedliche Geräusche, Texte und eben auch die Sätze vom Kaffee mit Socken vorgespielt und dabei die Gehirnaktivitäten aufgezeichnet.

„Eine riesige Datenfülle, die bislang aber noch nicht unter dem Aspekt ausgewertet worden war, ob bestimmte Reaktionen der Gehirnströme in Verbindung gebracht werden können mit der Wahrscheinlichkeit des Wieder-Erwachens“, erläutert Steppacher. Die Hirnforscherin untersuchte nun, welche der Patienten nach der Entlassung aus der Reha-Klinik das Bewusstsein wiedererlangt hatten.

Zunächst wertete sie aus, wie die Patienten auf akustische Signale wie Klopfen oder Händeklatschen reagiert hatten. Hinweise auf mögliche Heilungschancen gaben diese Daten aber nicht. Anders bei den unlogischen Sätzen. Hier fand Steppacher eindeutige Verbindungen: Von den Patienten, die auf die Nonsens-Sätze reagiert hatten, waren mehr als 80 Prozent später aus dem Wachkoma aufgewacht.

Konkret wurde die Krankheitsgeschichte von 87 Patienten ausgewertet. Von denen hatten sich 30 „erholt“, beherrschten also wieder wenigstens ein Mindestmaß an Kommunikation. 15 der 87 Menschen hatten im Wachkoma auf Nonsense-Sätze reagiert, 14 von den 15 wachten später auf. Von den 72 Patienten, die nicht auf diese sinnlosen Sätze reagiert hatten, wachten zwar auch einige auf. Die Zahl war mit 16 im Verhältnis allerdings wesentlich geringer.

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