Verloren in der eigenen Welt
Alzheimer zerstört die Persönlichkeit

Am Anfang verlegen die Betroffenen nur den Schlüssel. Am Ende ist kaum noch ein Kontakt zur Außenwelt möglich: Alzheimer-Patienten verlieren ihr Ich. Ein Schicksal, von dem Millionen Kranke und Angehörige betroffen sind.
  • 0

FürthDie weißhaarigen Damen erzählen munter durcheinander. Vom Schulweg, der im Winter mit dem Pferdeschlitten zurückgelegt wurde. Und von der Schiefertafel, an der neben dem Griffel auch ein Schwämmchen hing. Mitten in dem Trubel dösen zwei Frauen aneinandergeschmiegt auf dem Sofa ein. Eine dritte läuft plötzlich ohne Ziel auf den Flur hinaus, wo noch weitere ruhelose Geister ihre Runden drehen. Andere Senioren hingegen sitzen völlig in sich versunken und teilnahmslos im Rollstuhl. Sie alle gehören zu den 1,4 Millionen Demenzkranken in Deutschland, an deren Schicksal der Welt-Alzheimertag am vergangenen Samstag erinnern sollte.

Normalerweise werden desorientierte Menschen, die häufiger fortlaufen und sich dadurch selbst gefährden, hierzulande in geschlossenen Abteilungen untergebracht. Das Fritz-Rupprecht-Heim in Fürth, wo die unter Anleitung einer Fachkraft in Erinnerungen schwelgende Damenrunde zu Hause ist, geht einen anderen Weg: Die Franken haben einfach das komplette Gelände umfriedet. Viele kleine Hilfsmittel sorgen dafür, dass die Bewohner sich orientieren können und immer wieder an zentrale Orte zurückgelotst werden.

„Bei uns können sich die Dementen im ganzen Areal frei bewegen“, berichtet Heimleiter Udo Weißfloch. „Das Gefühl, eingesperrt zu sein, ist weg.“ Den Gesundheitszustand der Betroffenen verbessere dies spürbar. „Wir haben weniger Fixierungen, weniger Medikation, weniger Appetitlosigkeit, unsere Leute sind ruhiger und ausgeglichener.“

Schon beim Bau des Gebäudes wurde das Konzept konsequent berücksichtigt: Die Flure durchziehen helle Gangspuren, die von schwarzen Streifen eingefasst werden - dadurch folgen die Dementen unbewusst der Wegeführung. Türen zu Abstellräumen sind mit der gleichen Tapete wie die Wand beklebt, sie zu öffnen wird so unattraktiv. Die große Wohnküche hingegen ist besonders hell beleuchtet, weil Menschen von Licht instinktiv angezogen werden.

Die Türen sind offen - nur diejenigen Patienten, für die wegen der Weglaufgefahr ein richterlicher Beschluss zur Unterbringung in einer geschlossenen Einrichtung vorliegt, tragen ein Armband. Nähern sie sich der Ausgangstür, verriegelt sich das Schloss.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%