F wie Fracking
Zwischen Gasboom und Gefahren

Für die Energielobby ist klar: Fracking ist ein Heilsbringer. Ebenso klar ist, dass die langfristigen Folgen der chemischen Erdgasförderung aus grundwassernahen Gesteinsschichten nur schwer abschätzbar sind.
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Es ist in aller Munde und heftig umstritten: Fracking ist eine Methode, um Gas und Öl aus der Tiefe zu fördern. Dazu wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und chemischen Zusätzen unter hohem Druck in den Boden gepumpt. Dabei entstehen Risse im Gestein, das Gas wird freigesetzt und kann nach oben gepumpt werden.

Fracking-Gegner warnen vor unvorhersehbaren Folgen für die Umwelt: Durch den Einsatz giftiger Chemikalien könne das Grund- und damit auch das Trinkwasser verunreinigt werden. Die langfristigen Folgen seien nicht abzusehen. In der Kritik steht auch der massive Wasserverbrauch beim Fracking. Zwischen acht und 19 Millionen Liter Wasser werden für die Ausbeutung einer Gasquelle benötigt. Bei 50.000 Quellen, die jährlich in den USA erschlossen werden, summiert sich der Wasserbedarf auf 530 Milliarden Liter.

Die Befürworter des Frackings halten dagegen, dass es beim Chemikalien-Einsatz bereits erhebliche Fortschritte gegeben hat. So benötigen die Energiegesellschaften für ihre Bohrungen heute nur noch ein Fünftel der anfänglich 150 chemischen Beimischungen. Auch alternative Verfahren werden bereits getestet: Hier ersetzt zum Beispiel Propangas in Gelform die sonst verwendeten Chemikalien wie Kaliumchlorid und Isopropanol. Die chemischen Beimischungen sind nötig, um die die Bohranlagen vor Korrosion und Bakterien zu schützen und sie geschmeidig zu halten.

Konventionelles und unkonventionelles Fracking

Der Begriff Fracking meint grundsätzlich das Aufbrechen des Speichergesteins in der Tiefe. Unterschiedlich ist aber der genaue Ablauf des Frackens: Wie viel Flüssigkeit wird mit welchen Zusätzen versehen und unter welchem Druck ins Erdreich gepumpt? Konventionelles Fracking zur Gasförderung wird in Deutschland bereits seit den Sechzigerjahren angewandt Dabei wird das Gestein in bis zu fünf Kilometern Tiefe aufgebrochen. In diesen sehr tiefen Gesteinsschichten bestehe keine Gefahr für das Grundwasser, betonen Unternehmen. Auch seien die eingesetzten Chemikalien ausreichend erforscht und unbedenklich.

Bei der aktuellen Debatte geht es zumeist um das sogenannte unkonventionelle Fracking, wie es in den USA angewandt wird. Hier werden bisher unerschlossene Gasreserven in nahe an der Oberfläche liegenden Schichten von Ton- und Schiefergestein gefördert. Um das Gas aus den mikroskopisch kleinen Räumen zu fördern, sind jeweils mehrere Bohrungen und eine große Menge Wasser notwendig. Riesige Mengen von wieder an die Oberfläche geleitetem Abwasser müssen sicher entsorgt werden. Die Unternehmen müssen zunächst nicht angeben, welche Chemikalien sie einsetzen. Hinter den Folgen für das Ökosystem stehen viele Fragezeichen

Energiewirtschaft: Politik verbaut Chancen

Gas aus Schiefergestein zu fördern, wäre auch in Deutschland möglich. Schiefergasreserven gibt es vor allem im Norden und vereinzelt im Süden der Bundesrepublik. Die Schätzungen über das Volumen schwanken. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) geht davon aus, dass die technisch-förderbare Schiefergasmenge dem Zwei- bis Siebenfachen der derzeitigen deutschen Erdgasreserven entspricht. Mit ihrer Ausbeutung ließen sich die Abhängigkeit von Energie-Importen und die Gaspreise senken, sagen die Befürworter der Technologie. Vor allem Förderfirmen betonen die Vorteile des Frackings und versuchen, Bedenken durch wissenschaftliche Gutachten zu zerstreuen.

Die Energiewirtschaft sieht das Fracking-Verbot als Wettbewerbsnachteil: Deutschland verbaue sich die Chance, von Energie-Importen unabhängiger zu werden, bemängelt etwa der Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung. Durch den Fracking-Boom haben sich die USA enorme Gasreserven erschlossen. Das Erdgas kostet dort zurzeit nur ein Drittel dessen, was Europa für seine Gasimporte zahlen muss. Führende Wirtschaftsverbände warnen vor einer Abwanderung deutscher Unternehmen in die USA.

Keine Schiefergas-Bohrungen in Deutschland

Die Bundesregierung arbeitet zurzeit an einer gesetzlichen Regelung zum Fracking. Unkonventionelles Fracking, also die Förderung von Schiefergas, soll nur zu Testzwecken und nur jenseits von 3000 Metern unter der Oberfläche gestattet sein. Erlaubt bleiben soll dagegen das konventionelle Fracking, also Bohrungen in tiefer liegenden Gesteinsschichten. Das kritisieren die Bierbrauer und Mineralwasserhersteller: Die Risiken seien zu hoch, die Schlupflöcher zu hoch. Fracking müsse auch in tiefen Gesteinsschichten verboten werden.



Generell folgen die zuständigen Ministerien den eher kritischen Stimmen aus der Wissenschaft: Sowohl der Umweltrat der Bundesregierung als auch das Institut für Weltwirtschaft in Kiel kommen zu dem Schluss, dass Fracking in Deutschland weder für mehr Unabhängigkeit in der Energieversorgung noch unmittelbar für sinkende Energiepreise sorgen werden. Der Umweltrat sprach sich eindeutig gegen die Methode aus: Es bestehe eher ein betriebswirtschaftliches Interesse der Industrie als ein öffentliches Interesse an der Erschließung der Schiefergasreserven. Auch bestünden gravierende Wissenslücken hinsichtlich der Folgen für die Umwelt. Das Umweltbundesamt forderte in einem Gutachten Ende Juli 2014 ein weitgehendes Verbot: "Fracking ist und bleibt eine Risikotechnologie - und braucht daher enge Leitplanken zum Schutz von Umwelt und Gesundheit", erklärte Präsidentin Maria Krautzberger: "Solange sich wesentliche Risiken dieser Technologie noch nicht sicher vorhersagen und damit beherrschen lassen, sollte es in Deutschland kein Fracking zur Förderung von Schiefer- und Kohleflözgas geben."

Christina Stahl
Christina Stahl
Handelsblatt / Freie Mitarbeiterin
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