Y wie Y-Chromosom
Hoffnung für das Männer-Gen

Forscher hielten den Zerfall des Y-Chromosoms für unaufhaltsam und sahen das Ende des männlichen Erbguts immer näher rücken. Neue Studien geben Entwarnung – zumindest für Nichtraucher.
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Ein „schlampiges Biest“ nennt der Evolutionsbiologe David Page nicht eben respektvoll das Y-Chromosom. Das Y sei ein „Lümmler“ und zudem nur noch ein Schatten seiner selbst. In den letzten 320 Millionen Jahren hat das Y-Chromosom über 98 Prozent seiner Gene verloren. Forscher sprachen deshalb schon von seinem Aussterben.

Die Gene auf dem Y-Chromosom machen den Mann zum Mann. In den letzten Jahrmillionen hat es sich, ungeachtet seiner tragenden Rolle, wenig kooperativ gezeigt. Während nämlich die übrigen 22 Erbfäden des Menschen Erbgut austauschten und sich dadurch weiterentwickelten, arbeitete das Y nicht mehr mit. Mit fatalen Folgen: Im Vergleich zum X-Chromosom, von dem Männer eines und Frauen zwei besitzen, ist das Y von heute kümmerlich klein.

Da die Hälfte der Menschheit kein Y-Chromosom besitzt, ist davon auszugehen, dass auf diesem keine Gene liegen, die für die Funktion des menschlichen Organismus' absolut notwendig sind. Auch deshalb ist das Y- viel kleiner als das X-Chromosom, das rund 5000 Erbinformationen enthält. Auf dem Y-Chromosom liegen etwa Informationen für die Körpergröße, die Spermienbildung, das Männlichkeitsgen, aber auch Gene, die die Umsetzung des Erbguts in Organen und Gewebe regulieren.

Auf das Wesentliche reduziert

Vor gut zehn Jahren lösten Wissenschaftler den Alarm vom Zerfall des männlichen Erbguts aus. Britische und australische Wissenschaftler berichteten vom dramatischen Genverlust auf dem Y-Chromosom. Von einst 600 Genen schrumpfte das Chromosom im Laufe der Evolution auf nur noch 19 Gene zusammen. Die Forscher schätzten, dass dieser Prozess weitergehen und das „Y“ so irgendwann verschwinden könnte. So geschehen bereits bei Wühlmäusen und Stachelratten. Droht dem menschlich-männlichen Geschlecht also das Aussterben?

Zehn Jahre später geben Wissenschaftler Entwarnung. Tatsächlich sei es bei den Vorfahren des Menschen während der 300 Millionen Jahre Evolution immer wieder zu einem rapiden Gen-Schwund auf dem Y gekommen, schrieben 2012 der Evolutionsbiologe David Page und seine Kollegin Jennifer Hughes im Fachmagazin „Nature“. Doch in den vergangenen immerhin 25 Millionen Jahren habe das Y nur ein einzelnes weiteres Gen eingebüßt; es sei also stabiler als angenommen. Page und Hughes fanden heraus, dass die 19 Gene auf dem Y-Chromosom bei Schimpansen und Rhesusaffen fast identisch mit denen des Menschen sind. Auch bei anderen Affen sowie Mäusen und Rindern fanden sich große Ähnlichkeiten. Die Forscher schlossen daraus, dass das Y zwar abgebaut wurde, aber die überlebensnotwendigen Gene behalten habe. Ganz nach dem darwinistischen Prinzip des „Survival of the fittest“ habe es sich auf das Wesentliche reduziert. Überflüssige oder gar schädliche Informationen seien dagegen verloren gegangen. Ein Verschwinden des Y-Chromosoms halten viele Wissenschaftler deshalb für unwahrscheinlich.

Nikotin greift das Y an

Das männliche Geschlecht kann also auf eine erfolgreiche Zukunft hoffen – zumindest die Nichtraucher. Schwedische Forscher an der Universität Uppsala haben herausgefunden, dass der Verlust des Y-Chromosoms die Lebenserwartung senkt und das Krebs-Risiko erhöht. Zwei Faktoren führen besonders häufig zum Absterben des Y: Alter und Nikotin. Das Risiko von Rauchern, das Y-Chromosom in den Blutzellen zu verlieren, ist viermal höher als das von Nichtrauchern. Warum das so ist, wollen die Forscher in weiteren Studien herausfinden.

Die Forschung rund um das „schlampige Biest“ geht also weiter. Bis zu seinem Verschwinden dürfte es schließlich noch eine Weile dauern.

Christina Stahl
Christina Stahl
Handelsblatt / Freie Mitarbeiterin
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