Wo schmerzt es denn?
Berliner Schau zeigt alte Praxiswelten

Wer heute über volle Wartezimmer stöhnt, bedenkt nicht, was man früher in Kauf nehmen musste. Eine Ausstellung zeigt, dass der Gang zum Arzt im 18. Jahrhundert schon mal über mehrere Zollgrenzen hinweg führen konnte.
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Berlin„Ein Jungfer hat ihr Blum nicht“, schreibt der Schweizer Heiler Gottfried Wachter 1808 in sein Praxisjournal. Regelbeschwerden also hat sie und außerdem einen dick geschwollenen Hals - worauf Wachter einen Rückstau der Körpersäfte diagnostiziert, Englische Pillen verschreibt und schließlich die Genesung der Jungfer notiert. Nicht immer geht es so gut aus - der Beruf des niedergelassenen Arztes ist, so zeigt es eine neue Ausstellung im Berliner Medizinhistorischen Museum, stets auch vom Tod begleitet. In acht verschiedene Praxiswelten vom 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert erlaubt die gleichnamige Schau überraschend konkrete Einblicke.

„Die Frage, wie solche Arztbesuche abliefen, war bislang ein weißer Fleck in der medizinhistorischen Forschung“, sagt Mitinitiatorin Marion Ruisinger vom Ingolstädter Medizinhistorischen Museum am Donnerstag. Gemeinsam mit dem Berliner Haus wurde die Ausstellung, fußend auf einem DFG-Forschungsprojekt zu historischen „Praxisjournalen“ der Ärzte, konzipiert. Dass es soweit kam, war reiner Zufall, denn bislang sind in Europa kaum mehr als die Notizen dieser acht Ärzte wissenschaftlich erforscht.

Da ist etwa der Mediziner und Mathematiker Johannes Magirus aus Zerbst (Sachsen-Anhalt), der schon 1653 die Behandlung eines einjährigen Jungen mit Fieberkrämpfen beschreibt - und dazu neben teuren Medikamenten auch astronomische Berechnungen anstellt. Im Mittelpunkt jeder stilisierten „Praxis“ trifft der Besucher auf zwei Stelen mit Ausstellungsstücken, die für den Arzt und seinen Patienten stehen: In diesem Fall ein Himmelsglobus aus Zerbst und eine zierliche, aus Gold und Bergkristall gefertigte Kinderrassel, an der noch die Beißspuren eines zahnenden Kleinkindes auszumachen sind.

Aber auch Zahnamulette, Glücksbringer für eine leichte Geburt, furchteinflößend große Klistierspritzen und eine reich verzierte Totenkrone sind beim Blick in die Zeitfenster zu sehen.

Die nicht immer reibungsfreie Zusammenarbeit mit Hebammen und Badern ist in den weiteren Praxisstationen ebenso Thema wie die Bezahlung der Mediziner. Denn das Ansehen der Ärzte wuchs - nicht unbedingt aber ihr Gehalt. „Wir haben in den Journalen Eintragungen gefunden, die zeigen, dass Honorare bei ärmeren Patienten oft auch gestundet oder erlassen wurden.“ Ein Teil der Mediziner brauchte deshalb noch weitere Einnahmequellen: Der Suhler Stadtarzt Johann Friedrich Glaser (1763) hatte deshalb die Lizenz zum Bierbrauen.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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