Computergestützte Chirurgie
Werden uns in Zukunft Roboter operieren?

Ein Roboter mit Skalpell? Für die meisten Menschen dürfte das eine befremdliche Vorstellung sein. Dabei ist der Kollege aus Stahl schon jetzt zum unverzichtbaren Helfer für Chirurgen geworden.
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Dass ein Kollege von R2D2 das Skalpell über den eigenen Körper schwenken könnte, ist für die meisten Menschen eine befremdliche Vorstellung, die in die fabelhafte Welt der Science-Fiction gehört. Tatsächlich aber ist es bereits zwei Jahrzehnte her, dass ein Roboter sein Debüt in einem realen Operationssaal gab. Und zwar in Gestalt von Robodoc, einem angepassten Industrieroboter, den die amerikanischen Firma Integrated Surgical Systems (ISS) zusammen mit IBM entwickelt hatte. Die knapp mannshohe Maschine mit Schwenkarm nahm rechnergestützt die zur Implantation von künstlichen Hüftgelenken notwendigen Fräsungen des Knochens vor. Bei der herkömmlichen Methode dagegen musste der operierende Chirurg die Fräsungen mit Geräten und Feilen per Hand vornehmen.

In den USA erhielt der Robodoc als System damals keine Zulassung, wurde 1996 aber in Europa erlaubt. So setzten auch einigen Kliniken in Deutschland Robodoc bei Hüftoperationen ein, tausende Patienten in Deutschland wurden operiert. Nachdem aber immer mehr Zwischenfälle – darunter ernsthafte Muskel und auch Nervenverletzungen - bekannt wurden, geriet  Robodoc immer stärker unter Beschuss und verschwand in Europa fast vollständig von der Bildfläche.

Trotz dieser Ernüchterung über eine neue Technologie im Operationssaal haben Roboter mittlerweile einen festen Platz im OP gewonnen. Allerdings in der Rolle des Assistenten, denn die Erfahrung der Chirurgen und ihre Fähigkeit, auf Komplikationen und nicht erwartete Ereignisse während einer Operation schnell reagieren zu können, wird auch in Zukunft nicht durch Maschinen ersetzt werden können.

Der Einsatz der Roboter beginnt bei der perfekten Vorbereitung der Operation wie der Vermessung der zu operierenden Körperregion mit Hilfe der Computertomographie. Beim Eingriff dann errechnen Computer dreidimensionale Bilder und eine Kamera und Reflektoren an den Instrumenten überwachen die genaue Positionierung. Auch Roboter, die die Schnittführung der Chirurgen kontrollieren können, gibt es inzwischen. Denn die Maschine hat den Vorteil, dass sie keine Reaktionsverzögerung, keine Schrecksekunde wie der Mensch hat. Bei einem falschen Schnitt stellt sich die Maschine aus. In der Gehirnchirurgie dämpfen Computer das natürliche Zittern der Hand des Chirurgen und reduzieren so die Gefahr angrenzende Zentren zu reduzieren.

Die Anfänge der Medizinrobotik liegen im amerikanischen Militärwesen. Man wollte verwundete Soldaten oder sogar Astronauten auf Distanz mit Robotern operieren, kam jedoch wegen der weiten Übertragungswege rasch an die Grenzen des technischen Machbaren. Der Einzug der Roboter in den OP war dennoch nicht aufzuhalten, ergab sich doch unter anderem die Chance, die Möglichkeiten der offenen Chirurgie auf minimal-invasive Techniken (Schlüssellochmedizin) zu übertragen.

Bei der computergestützten Chirurgie kann der Operateur den Computer ferngesteuert führen oder auch stationär mit der Hand lenken. Aber es gibt auch unter Aufsicht gesteuerte Systeme, wo der Roboter vorprogrammierte Befehle umsetzt und die Operation ausschließlich ausführt. In der Radiochirurgie schließlich, eine Form der Strahlentherapie, unterstützen Robotersysteme die Behandlung unter anderem, indem sie die Abgabe der Strahlenbündel auf einen Tumor genau positionieren.

Für die Operateure ist klar, dass die computerunterstützte Chirurgie der Beginn einer Revolution ihrer Tätigkeit ist. Der Kollege aus Stahl ist schon jetzt zum unverzichtbaren Helfer geworden.

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