Leere Wartezimmer

Müssen wir dank Telemedizin bald nicht mehr zum Arzt?

Zehn Mal im Jahr geht der Durchschnittsdeutsche zum Arzt. Digitale Produkte und Dienstleistungen sollen das ändern. Doch bevor neue Technologien angewendet werden, müssen noch viele Fragen geklärt werden.
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Gähnende Leere: Sehen so bald Wartezimmer in Arztpraxen aus? Quelle: imago

Gähnende Leere: Sehen so bald Wartezimmer in Arztpraxen aus?

(Foto: imago)

Die Wartezimmer sind voll, die Wartezeiten lang: Rund zehn Mal im Jahr geht der Bundesbürger zum Arzt. Durchschnittlich gerechnet, wohlgemerkt. Denn vor allem chronisch und schwer erkrankte Patienten kommen auf deutlich mehr Konsultationen. Die Hälfte der Arztkontakte wird von nur 16 Prozent der Versicherten wahrgenommen, hat das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung in Deutschland berechnet. Gerade mal acht Minuten hat der Arzt dabei für jeden Patienten Zeit, ermittelte die Krankenkasse Barmer GEK. Wo soll das hinführen, wenn wir älter werden und noch häufiger zum Arzt gehen als heute?

Die Telemedizin verspricht Abhilfe. Digital Health wird die Landschaft im Gesundheitswesen verändern und auch die Art und Weise, wie die Patienten behandelt werden, sind sich die Experten der Unternehmensberatung Arthur D. Little sicher. Sie erwarten, dass der Weltmarkt für digitale Produkte und Dienstleistungen zur Verbesserung der Gesundheit von zuletzt rund 60 Milliarden Dollar auf mehr als 220 Milliarden Dollar im Jahr 2020 wachsen wird.

Diabetiker können beispielsweise schon heute zwischen Dutzenden Apps wählen, um ihren Blutzuckerspiegel besser kontrollieren zu können. Dabei trägt die enge Verbindung zwischen Arzt und Patient zur Verbesserung der Behandlungsergebnisse bei. Nur muss die nicht immer im persönlichen Arztgespräch erfolgen. Gute Erfolge wurden auch mit mobilem Coaching erreicht, wie eine Studie bei Patienten mit Typ-2-Diabetes gezeigt hat. Bei einer Gruppe der Patienten wurde über Mobiltelefon und Internet ein Coachingsystem eingerichtet, das die Behandlungsentscheidungen des Arztes unterstützte. Übermittelten die Patienten ihre Blutzuckerwerte und die Dosierung der Diabetesmedikamente, erhielten sie sofort eine automatisierte Antwort und Beratung, wie sie sich weiter verhalten sollten. Im Ergebnis zeigte sich, dass die so überwachten Diabetespatienten deutlich besser eingestellt waren als die Kontrollgruppen.

Kürzlich hat der niederländische Philips-Konzern angekündigt, zusammen mit dem Softwareunternehmen Salesforce eine Plattform zu entwickeln, die telemedizinische Überwachung chronisch kranker Menschen erleichtern soll, auch durch eine verbesserte Kooperation zwischen behandelnden Ärzten und anderen Gesundheitsdienstleistern. Die ersten Apps dazu sollen im Spätsommer auf den Markt kommen.

In Zukunft könnte ein solches Monitoring sogar direkt aus dem Körper des Patienten erfolgen. Der Internetgigant Google hat vor ein paar Monaten angekündigt, an einer Kontaktlinse zu forschen, die bei Diabetikern künftig die Zuckerwerte misst. Die kalifornische Firma Proteus Digital Health hat bereits die Zulassung für ein Überwachungssystem, das aus dem Magen sendet. Der Patient schluckt dazu zusammen mit den vom Arzt verordneten Medikamenten einen Sensor im Tablettenmantel. Der funkt dann an einen am Oberarm des Patienten befindlichen Chip im Pflaster, wann der Patient wie viele Medikamente genommen hat. Der Chip wiederum sendet diese Informationen zusammen mit Angaben wie Körpertemperatur, Bewegungsmuster oder anderen Messwerten an einen Tablet-PC oder ein Smartphone. So kann sich künftig der Arzt ein detailliertes Bild machen, wie seine verordnete Behandlung beim Patienten wirkt. Bis zu einer breiten Anwendung dieser Technologien sind allerdings noch viele Fragen zu klären – und zwar nicht nur technische, sondern auch datenschutzrechtliche.

Wie sich das Gesundheitswesen verändern wird
Die Ironie der Realität
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Viele der größten Herausforderungen, die das 21. Jahrhundert mit sich bringt, sind letztlich das Resultat positiver Veränderungen – zum Beispiel die höhere Lebenserwartung und eine bessere Vernetzung. Um die unerwünschten Nebeneffekte abzufedern, braucht es innovative Ideen, Forschung und Technologien. Im Folgenden die fünf wichtigsten Entwicklungen im Gesundheitsbereich.

Alternde Gesellschaft
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Bis 2050 soll die Zahl der Über-60-Jährigen auf über zwei Milliarden steigen, prognostiziert die WHO. Dadurch wird auch die Zahl von altersbezogenen Erkrankungen wie Krebs oder Alzheimer zunehmen. Vor allem in den Entwicklungsländern, in denen gegenwärtig 80 Prozent der durch chronische Erkrankungen verursachten Todesfälle auftreten, werden davon betroffen sein.

Kein ganz gewöhnlicher Tourist
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Aufgrund steigender Behandlungskosten reisen Patienten zunehmend ins Ausland, um sich dort behandeln zu lassen. Das Wirtschaftsvolumen des Medizintourismus wird pro Jahr auf zwischen10 und 40 Milliarden US-Dollar geschätzt. Zu den Top-Zielen zählen Indien, Mexiko und Thailand.

Wählen Sie D für Doktor
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Durch die zunehmende Vernetzung sind immer mehr qualifizierte Leistungen im Bereich Gesundheit verfügbar. Zu den Anwendungen zählen hier mobile Gesundheits-Apps, Diagnosen via Videokonferenz sowie Sprechstunden per Telepräsenz. Auch Fernoperationen können mithilfe von Chirurgie-Robotern möglich werden.

Zu wenige Spenderorgane
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Weltweit sind Spenderorgane knapp. Auf eine Million Einwohner kommen in der EU durchschnittlich nur 19,5 Spender. Deutschland liegt mit 10,7 Spendern deutlich darunter. 2014 gab es hier laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation insgesamt nur 864 postmortale Organspenden. Lösen ließe sich die geringe Bereitschaft der Bürger hierzulande mit Organen aus dem 3D-Drucker: Durch die neue Technologie könnten Angebot und Nachfrage ausgeglichen werden.

Übrigens: Der Arztbesuch an sich wird ob solcher neuen Technologien nicht überflüssig. Aber möglicherweise wird er weniger häufig stattfinden, weil durch das Monitoring der eine oder andere Kontrollbesuch ausfallen oder verschoben werden kann.

Treffen sich Arzt und Patient dann wieder, hätte der Mediziner dank der neuen Techniken die Analyse des Gesundheitszustandes des Patienten bereits parat, und der Abgleich mit einer Datenbank hat ihm vielleicht auch schon die eine oder andere zusätzliche Behandlungsoption aufgezeigt.

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