AKW-Abschaltungen: „Höchstens minimale Preissteigerungen“

AKW-Abschaltungen
„Höchstens minimale Preissteigerungen“

Kanzlerin Merkel will sieben deutsche Atomkraftwerke zumindest vorübergehend vom Netz nehmen. Im Interview spricht Energieexperte Felix Matthes vom Öko-Institut über die Folgen für die Energieversorgung in Deutschland.
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Frage: Herr Matthes, ist die Abschaltung der sieben Atomkraftwerke eine sinnvolle Entscheidung oder purer Aktionismus?

Felix Matthes: Ich denke es ist auf jeden Fall ein sinnvoller Schritt. Sowohl aus sicherheitstechnischer wie auch aus energietechnischer Sicht. Diese alten Atomkraftwerke haben schlicht eine schlechtere Qualität, als die neueren Werke. Das sieht man allein daran, dass ihre geplante Laufzeitverlängerung deutlich kürzer ausfiel, als die der anderen Atomkraftwerke.

Viele fürchten nach dem plötzlichen Aus der Atommeiler Stromengpässe. Eine berechtigte Sorge?

Nein, bei der Außerbetriebnahme der sieben Werke sind keine Stromengpässe zu erwarten. Wir sind sehr gut auf den Wegfall dieser Werke vorbereitet. Immerhin wären diese nach den Plänen der alten Regierung ohnehin bald vom Netz gegangen. Das hatte man also gut kalkuliert. Zudem haben wir auf dem deutschen Strommarkt Überkapazitäten und sind somit sehr flexibel.

Aber weniger Strom heißt auch immer weniger Angebot. Ist nun mit Preissteigerungen zu rechnen?

Nein, eigentlich nicht. Wir rechnen höchstens mit minimalen Preissteigerungen von bis zu 0,5 Cent pro Kilowattstunde. Denn Strom wird bei uns auf zwei Märkten gehandelt: der Strom für den nächsten Tag auf dem Spotmarkt und im Terminmarkt längerfristige Liefervereinbarungen.

Auf dem Spotmarkt gibt es zurzeit erhebliche Kapazitäten, auch ohne die sieben Werke. Auf dem Terminmarkt sind 95 Prozent der Stromproduktion bereits auf Jahre im voraus verkauft. Somit stehen die Preise längst fest. Höchstens mittelfristig, vielleicht in fünf Jahren, rechnen wir mit Preissteigerungen. Aber auch dann nur marginal.

Wenn es nach den Atomkraftgegnern geht, war die Außerbetriebnahme der sieben Atomkraftwerke nur der Anfang. Aber wäre es überhaupt möglich alle Atomkraftwerke demnächst vom Netz zu nehmen?

Möglich wäre es, aber dazu wären einige Maßnahmen notwendig. Man müsste zum Beispiel das Lastmanagement, sprich die Verteilung von Strom zu Spitzenzeiten, verbessern. Zudem könnte man überlegen, die Atommeiler durch neue Kraftwerke zu ersetzen. Vorzugsweise Gaskraftwerke, da diese schnell gebaut werden können. Ein gutes Beispiel hierfür ist die iberische Halbinsel: Also dort vor 10 Jahren die Stromnachfrage explodierte, stampfte man mehrere dieser Gaskraftwerke aus dem Boden. Und natürlich gibt es immer die Möglichkeit den Bereich der erneuerbaren Energien weiter auszubauen.

Bei der Abschaltung von weiteren Atomkraftwerken, von acht oder zehn Stück, müsste man sich vorher genaue Gedanken über den zukünftigen Mix der Energien machen.

Kanzlerin Merkel hat beschlossen die ältesten sieben Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen. War das Alter der Meiler ein guter Auswahlfaktor, oder wäre die Abschaltung von anderen, im Zweifelsfall jüngeren, Atomkraftwerken vielleicht sogar sinnvoller gewesen?

Ich denke der Ansatz, die ältesten Werke vom Netz zu nehmen ist durchaus sinnvoll. Denn die Sicherheitskonzepte sind einfach veraltet. Dass heißt jedoch nicht, dass nicht auch neuere Werke Sicherheitsrisiken bergen. Nehmen Sie als Beispiel das AKW Krümmel. Dieses ist bereits aus Sicherheitsgründen abgeschaltet.

Ich denke durch die Katastrophe in Japan hat das Restrisiko ein Gesicht bekommen. Es würde mich deshalb nicht wundern, wenn nach eingehender Prüfung auch neuere Kraftwerke sicherheitsbedingt vom Netz genommen werden.

Felix Matthes ist Energieexperte am Öko-Institut in Berlin

Kommentare zu " AKW-Abschaltungen: „Höchstens minimale Preissteigerungen“"

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  • "Alles zum Wohle der politischen Klasse und deren Verbündete. Unsere Wirtschaftmächte und ganz besonders die Energiekonzerne. "

    Eben: entmachten. Die Energieversorgung gehört wieder in die Hände der Bevölkerung, SO WIE DAS MAL WAR.

  • "Auf dem Spotmarkt gibt es zurzeit erhebliche Kapazitäten, auch ohne die sieben Werke. Auf dem Terminmarkt sind 95 Prozent der Stromproduktion bereits auf Jahre im voraus verkauft. Somit stehen die Preise längst fest."

    Genau so siehts aus, wenn man dann noch die Preisabsprachen der Energieoligarchen abschafft, bekommen wir sogar mal sinkende Preise. Könnten wir jetzt schon haben, wenn die Differenzen nicht in den Taschen der Anteilseigener landen würden.

    Aber davon haben die Anti-Öko_Konservativen keine Ahnung.

  • Was für ein lustiger Geselle dieser selbsternannte Experte doch ist. Selbst wenn der Strom höchstens 0,5 cent steigen dürfte, heißt das noch nicht dass die Energiekonzerne in dieser Situation ihr Monopol nicht ausnutzen. Mit fadenscheinigen Ausreden werden es dann wohl doch eher 5 cent anstatt 0,5 cent werden. Frau Merkel drückt dann gern ein Auge zu und sorgt eigenhändig dafür, dass das Kartellamt still hält. Denn erstens wollte doch das Volk die Abschaltung der AKWs und zweitens bedeutet jede Strompreiserhöhung auch eine Steuererhöhung. Und für all die Menschen, die das naive Geschwätz glauben dass der Strom deshalb nicht bei uns rationiert wird, sei folgendes gesagt. Eine direkte Rationierung gibt es natürlich nicht. Erstmal jedenfalls nicht. Der Strom wird so teuer gemacht, dass jeder ihn sich selbst rationiert. Dann wird eben noch mehr an Konsum gespart. Über die aktuellen Benzinpreise regt sich doch auch schon keiner mehr auf. Beim Strom wird es genauso sein. Wenn er erstmal auf 1 Euro pro kWh geklettert ist, dann haben die ersten Verdummten in unserem Land schon längst vergessen, dass der Strompreis momentan so um die 22 cent liegt. Und wenn dann alle Sicherheitsvorkehrungen überprüft und für gut befunden wurden, dann dürfen die Energiekonzerne die AKWs wieder einschalten. Der Strompreis darf dann selbstverständlich teuer bleiben. Was man einmal beim Kunden und Steuerzahler durchgesetzt hat, muss man doch nicht mehr zurück nehmen. Alles zum Wohle der politischen Klasse und deren Verbündete. Unsere Wirtschaftmächte und ganz besonders die Energiekonzerne.

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