Alternative Energiegewinnung
Strom und Fernwärme aus Müll

Wirtschaft und Verbraucher stöhnen über hohe Preise für Erdöl, Erdgas und Kohle. Bei der Suche nach alternativen Ressourcen lugen Energieexperten nun sogar in den Abfalleimer. Müll, einst ein Problemfall, wird zum begehrten Gut: Denn neue Verfahren machen Abfälle zu einer wertvollen Ressource für die Energiegewinnung.

BERLIN. „Im Abfall schlummern große Möglichkeiten, das Klima zu schützen“, sagt Volker Weiß, Fachgebietsleiter Abfallbehandlung des Umweltbundesamtes (UBA). „Angesichts des fortschreitenden Klimawandels und der Abhängigkeit von importierten Energieträgern gilt es, Abfälle als Energiequellen zu betrachten und effizient zu nutzen.“

Der Mann hat gute Gründe dafür: Würden bestehende Müllverbrennungsanlagen effizienter genutzt, etwa durch einen besseren Anschluss an Fernwärmenetze, ließe sich der Ausstoß von CO2 in Deutschland allein um bis zu drei Mill. Tonnen im Jahr senken. „Müllverbrennungsanlagen wurden meist auf der grünen Wiese errichtet, so dass wertvolle Abwärme einfach in die Luft gepustet wird“, erklärt Weiß.

Einer der führenden Anlagenbauer und -betreiber ist BKB, ein Tochterunternehmen von Eon, das künftig als „Eon Energy from Waste“ firmieren wird. Als „erneuerbare Energiequelle“ ist Müll für die Firma praktisch stinkendes Gold. „Abfall besitzt einen Heizwert, der mit Braunkohle vergleichbar ist. Eine Tonne Abfall liefert bei der Verbrennung im Durchschnitt 600 Kilowattstunden Strom. Das ist mehr als ein Durchschnittshaushalt in zwei Monaten verbraucht“, rechnet BKB-Sprecher Andreas Aumüller vor. Eine Müllverbrennungsanlage mit einer Jahreskapazität von rund 300 000 Tonnen könne laut Aumüller eine 100 000 Einwohner-Stadt mit Strom und Fernwärme versorgen. Schon heute beziehen rund drei Millionen Deutsche Energie aus Abfall.

Während beim Siedlungsabfall kaum weitere Kapazitäten angezapft werden können, weckt Biomüll immer größere Begehrlichkeiten. Gut die Hälfte des Abfalls von Haushalten besteht aus biologisch abbaubaren Stoffen. In Deutschland sind das sechs Mill. Tonnen jährlich. Volker Weiß vom UBA ist sicher: „Daraus lassen sich effizient Strom und Wärme produzieren und auf diese Art fossile Brennstoffe einsparen.“ Technisch sei das kein Problem.

Durch Vergären wird vor allem aus Bioabfällen und Abwasser Biogas gewonnen, das dann in Blockheizkraftwerken in Strom und Wärme umgewandelt wird. Ein Prozess, der zudem das Klima schont, weil Bioabfälle oder Klärschlamm aus dem natürlichen Kreislauf stammen, so dass bei der Energieerzeugung nicht mehr CO2 freigesetzt wird als genau jenes, das während des Pflanzenwachstums aus der Atmosphäre gebunden wurde. Gegenwärtig wird dieses Verfahren laut UBA nur mit 15 Prozent der Bioabfälle genutzt. Daher sieht Volker Weiß darin das eigentliche Potenzial für die Energiegewinnung.

„Die Vergärungstechniken sind sehr weit ausgereift. Jetzt geht es nur noch um ihre Optimierung“, sagt Renatus Widmann, Leiter des Fachgebietes Siedlungswasser- und Abfallwirtschaft der Uni Duisburg-Essen. Ein nächster Schritt sei, Biogas nicht mehr über den Umweg eines Blockheizkraftwerkes zu verstromen, sondern es direkt in das öffentliche Erdgasnetz einzuspeisen. Unter anderem in Bayern gibt es bereits Pilotanlagen. Außerdem ließe sich der Verwertungsprozess optimieren, indem etwa Fette und Industrieabwässer direkt in Faultürme verfrachtet würden, ohne ins Klärbecken zu gelangen. In den Türmen könnten sie bei hohen Temperaturen schnell in Energie umgewandelt werden.

Doch die Duisburger und andere Forscher verfolgen noch ein viel ehrgeizigeres Ziel: Sie wollen aus Bioabfällen Wasserstoff herstellen, um Brennstoffzellen mit regenerativen Energien zu versorgen. In einer Testanlage gelingt es bereits, mit Bakterien Abwasser zu 60 Prozent in Wasserstoff zu verwandeln, der Rest ist CO2. „Wir verwenden für unser patentiertes Verfahren Bakterien, die überall vorkommen. Das ist für den Erfolg wichtig, denn gezüchtete wären zu kostspielig“, erklärt Widmann. Überdies verläuft die Reaktion mit zwölf bis 15 Stunden sehr schnell ab – üblich sind sonst bis zu 30 Tage. Nun soll das Verfahren in großtechnischem Maßstab erprobt werden.

„Haken sind noch die teure Brennstoffzellentechnik und eine gewisse Risikoscheue der Industrie“, klagt Widmann. Doch er hat ein Ziel fest anvisiert: „Künftig sollen Kläranlagen zu Tankstellen für Wasserstoffautos werden.“

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