Arktisches Klima
CO2 übertrumpft die Sonne

Die Arktis heizt sich auf - obwohl sich die Erdbahn im Rahmen eines natürlichen Zyklus weiter von der Sonne entfernt und damit weniger Strahlungsenergie empfängt - Folge des Treibhausgasanstiegs in der Erdatmosphäre.
  • 0

HEIDELBERG. Obwohl sich die Erdbahn im Rahmen eines natürlichen Zyklus weiter von der Sonne entfernt und damit weniger Strahlungsenergie empfängt, kühlt sich die Arktis seit 100 Jahren nicht mehr weiter ab, sondern heizt sich überdurchschnittlich schnell auf. Damit kehrte sich in den letzten Jahrzehnten ein Trend um, der vor rund 2000 Jahren einsetzte und bis zum Beginn des letzten Jahrhunderts dauerte. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs erwärmt sich die Arktis zügig und intensiv - obwohl sich die Erde nun im Durchschnitt rund eine Million Kilometer weiter entfernt von unserem Zentralgestirn befindet als im Jahr null.

Diesen Wandel führen die Geowissenschaftler um David Schneider vom US-amerikanischen National Center for Atmospheric Research in Boulder auf den Anstieg der Treibhausgase in der Erdatmosphäre zurück, der seit Beginn der Industrialisierung stattgefunden hat. Damit überwiege nun der Einfluss von Kohlendioxid, Methan und anderen Substanzen auf die Erdtemperaturen die Distanzveränderung zur Sonne, so die Forscher.

Sie hatten die Sommertemperaturen der Arktis der letzten 2000 Jahre rekonstruiert, indem sie verschiedene Messwerte aus Eisbohrkernen, die Dicke von Baumringen sowie von Sedimentablagerungen in arktischen Seen auswerteten: Längere und wärmere Sommer hinterließen darin ihre Spuren in Form von mächtigeren Lagen aus silikathaltigen Algengehäusen, die während der Vegetationsperiode auf den Grund der Gewässer sanken, oder breiteren Jahresringen. Bislang konnten die Forscher mit ihren Daten nur 400 Jahre zurück in die Vergangenheit blicken.

Mit zunehmender Entfernung von der Sonne - im Zuge eines sich alle 21 000 Jahre wiederholenden Zyklus’ - kühlte sich die Arktis pro Jahrhundert um gemittelte 0,02 Grad Celsius pro Jahrhundert ab. Seit 1900 stieg die Temperatur allerdings wieder um 1,2 Grad Celsius, wobei die stärkste Zunahme in den letzten zehn Jahren stattfand: Die Dekade zwischen 1999 und 2008 war die wärmste der letzten 2000 Jahre.

Eigentlich hätte sich die Abkühlung fortsetzen müssen, denn die Region erhält seit etwa 8000 Jahren immer weniger Sonnenenergie im Sommer, ein Prozess, der sich noch weitere 4000 Jahre fortsetzt, bis sich die Erde wieder der Sonne annähert. Gleichzeitig kommt die Erde der Sonne nicht mehr - wie zu Beginn des Aufzeichnungszeitraums - im September, sondern im Januar am nächsten. Dann herrscht in der Arktis allerdings Winter und Polarnacht. Im Sommer hingegen, wenn der Sonnenstand maximal hoch ist, fällt die eingestrahlte Energie geringer aus, weil die Erde weiter entfernt ist.

Dennoch heizt sich die Arktis dreimal so schnell auf wie der Rest des Planeten, weil sich die Erwärmung über verschiedene Rückkopplungseffekte selbst verstärkt: Weniger Schnee und Meereis sorgen dafür, dass mehr dunkler Boden beziehungsweise Ozean zum Vorschein kommen. Sie reflektieren weniger Sonnenstrahlung ins All und speichern diese stattdessen als Wärmeenergie, was das Abtauen und den Temperaturanstieg zunehmend beschleunigen.

Kommentare zu " Arktisches Klima: CO2 übertrumpft die Sonne"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%