Atom-Debatte
Vom Anfang nach dem Ende

50 Jahre nach der Nuklearkatastrophe von Windscale beginnen die eigentlichen Aufräumarbeiten: Die rund 9 000 halbverglühten Brennstäbe des Reaktors sollen im nächsten Jahr entfernt und die Anlage komplett abgetragen werden – Kostenpunkt 900 Millionen Euro. Trotz negativer Vergangenheit bereiten sich die Briten auf den Bau neuer Atomkraftwerke vor.

SELLAFIELD. Es ist das Risiko seines Lebens, heute vor 50 Jahren. Vic Goodwin erklimmt die Leiter, die ihn aufs Dach des Reaktorblocks führt. Drinnen, in ihrer Ummantelung, stehen die Brennstäbe in Flammen. Panik? „Wir waren nicht in Panik“, erinnert er sich – und blickt tadelnd durch seinen altmodischen Nasenkneifer.

Vic Goodwin ist der jüngste von drei Ingenieuren, die den Atomreaktor 1 in Windscale an der Nordwestküste Englands steuern. Der Reaktor erzeugt Plutonium für die britische Atombombe, doch er ist außer Kontrolle geraten. Die Brennstäbe in seinem Grafitkern brennen, durch den Schornstein entweicht Radioaktivität. Alle Versuche, die Flammen mit Kohlendioxid zu ersticken, sind fehlgeschlagen. Der erste große Störfall der noch jungen Technologie droht zur Katastrophe zu werden.

Nun ist Goodwin dran. Er hat die letzte, äußerst riskante Option vorbereitet: Wasser. „Ich hatte ein Feuerwehrauto bestellt und in der Werkstatt extra lange Schläuche anfertigen lassen“, erzählt der heute 75-Jährige. „Dann haben wir die Leiter auf das Reaktordach hochgezogen.“ Die Ingenieure lassen das Wasser durch Öffnungen in der Betondecke auf den Reaktorkern rieseln – „wie ein Wasserfall sah das aus“, sagt Goodwin. Die Männer gehen in Deckung. Doch die befürchtete Explosion bleibt aus. Die Flammen ersterben, der Reaktor kühlt ab.

Auch so ist der Störfall aber schlimm genug. Ein Gebiet von mehreren Hundert Quadratkilometern ist verseucht. Zeitweilig bleibt die Milcherzeugung hier verboten. Bis zu 240 Menschen sollen an Krebs infolge radioaktiver Strahlung in den nächsten Jahren gestorben sein.

Die waghalsige Löschaktion vor 50 Jahren trug zweifellos dazu bei, dass die Briten trotz des Schreckens nach einer militärischen auch eine zivile Atomwirtschaft aufbauten. Und wäre von Windscale ein noch größeres Desaster ausgegangen, hätte sich Tony Blair als Premier womöglich nicht getraut, die Debatte über ein Neubauprogramm für Atomkraftwerke in Gang zu setzen. Doch so endet die öffentliche Anhörung darüber – ein makabrer Zufall – genau an dem Tag, an dem sich der Ausbruch des Feuers in Windscale zum 50. Mal jährt.

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