Atomdesaster in Japan Top-Berater Rifkin rechnet mit der Nuklearindustrie ab

Jeremy Rifkin sieht das Ende des Atomzeitalters gekommen. Der Vorsitzende der Foundation on Economic Trends in Washington und Bestsellerautor hält die Nukleartechnik für ein gefährliches Relikt des vergangenen Jahrhunderts, räumt mit dem Irrglauben auf, Atomenergie könne einen Beitrag zum Klimaschutz leisten und sieht die Welt an der Schwelle zur dritten industriellen Revolution stehen. Ein Gastkommentar.
  • Jeremy Rifkin
22 Kommentare
Jeremy Rifkin ist Vorsitzender der Foundation on Economic Trends in Washington, Berater der EU-Kommission und Bestsellerautor. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com. Quelle: picture-alliance/ dpa

Jeremy Rifkin ist Vorsitzender der Foundation on Economic Trends in Washington, Berater der EU-Kommission und Bestsellerautor. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Das Atomzeitalter geht dem Ende entgegen. Die Kernschmelze in einem japanischen Atomkraftwerk hat politische Folgen rund um die Welt. Niemand kann noch von „sauberer Kernkraft“ sprechen, was ohnehin ein Widerspruch in sich selbst war. Kernkraft war nie sauber, radioaktive Stoffe und Müll haben immer die menschliche Gesundheit, andere Lebewesen und die Umwelt bedroht. Wir hätten unsere Lektion schon vor 30 Jahren lernen müssen – nach dem Unfall im Atomkraftwerk von Three Mile Island im US-Bundesstaat Pennsylvania – und spätestens 1986 nach der Kernschmelze im ukrainischen Tschernobyl.

Der größte Teil der Nationen hat in den 80er-Jahren aufgehört, Kernkraftwerke zu bauen, und hat damit begonnen, bestehende ältere Anlagen zu entsorgen. Leider ist das Gedächtnis der Öffentlichkeit kurz. Die Nuklearindustrie konnte sich in den vergangenen Jahren neu erfinden, indem sie sich an die Rockschöße der Klimaschutz-Debatte hing. Sie behauptet, eine saubere Alternative zu den fossilen Energien zu bieten, die kein CO2 ausstoße. Damit sei sie Teil des Schutzes vor der Erderwärmung.

In Wirklichkeit steuert Atomkraft nur sechs Prozent zum globalen Energiemix bei. Um auch nur einen marginalen Einfluss auf den Klimawandel zu haben, müsste sie mindestens 20 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs decken. Das würde es erforderlich machen, alle bestehenden 443 alten Kraftwerke zu erneuern und zusätzliche 1500 Kernkraftwerke zu bauen, mit Kosten von mehreren Billionen Dollar. Um diese Herkulesaufgabe zu meistern, müssten alle dreißig Tage drei neue Atomkraftwerke gebaut werden, und das 60 Jahre lang – eine Überlegung, die sogar die Betreiber solcher Anlagen für völlig unrealistisch halten.

Die Vorstellung, in Zeiten zunehmender regionaler Konflikte Hunderte oder Tausende neuer Nuklearanlagen zu bauen, wirkt einfach übergeschnappt. Auf der einen Seite fürchten die USA, die Europäische Union und viele andere Länder die Möglichkeit, dass Iran und Nordkorea durch ihre Atomprogramme über große Mengen angereicherten Uraniums verfügen und dies zum Bau von Atombomben nutzen könnten. Auf der anderen Seite aber legen die USA, Großbritannien und Frankreich es darauf an, neue Atomanlagen über die ganze Welt zu verteilen und noch in der letzten Ecke des Planeten Reaktoren zu bauen, oft genug unter den fragwürdigsten Sicherheitsbedingungen und in der Nähe von dicht besiedelten städtischen Großräumen.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

22 Kommentare zu "Atomdesaster in Japan: Top-Berater Rifkin rechnet mit der Nuklearindustrie ab"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Wenn Kernkraft nur 6 % am Energiemix beteiligt ist, kann sie natürlich auch nur in diesem Maße zur CO2-Einsparung beitragen - was für eine Erkenntnis!

    Ähnlicher Unfug in Bezug auf den Wasserbedarf zur Kühlung: Auch konventionelle Wärmekraftwerke müssen natürlich gekühlt werden!

    Man kann gegen Atomkraft sein, aber bitte nicht mit solchen Argumenten.

  • Tja, da hilft es dann doch nur noch den Energiesektor wieder zumindest teilweise zu verstaatlichen, damit uns die Energieriesen nicht noch mehr Geld aus der Tasche ziehen. Schön wäre es ja wenn es denn so einfach wäre. Man sieht es ja an der Deutschen Bahn, die ist halbstaatlich, aber wird auch immer teurer. Firmen, Konzerne, etc. wollen und müssen nun mal Gewinne machen und sollen dies m.E. nach ja auch, da die meissten von uns ja auch bei Firmen angestellt sind um unser Brot zu verdienen. Keiner macht was umsonst, das ist nun mal eben menschliche Natur. Allein an den kontroversen Meinungen hier in dem Blog, die alle ihre Berechtigung haben seien sie pro oder contra Kernenergie, es zeigt sich schon hier die Komplexität der Sache, wenn schn wir hier als Otto Normalverbraucher unterschiedliche Meinungen und Vorstellungen haben aus was der Stom der Zukunft gewonnen werden soll.

    Wir brauchen diese Diskussionen um den nächsten Schritt zu machen. Ausserfrage ist doch das die Kernernergie grosse Risiken birgt, die man nicht in den Griff bekommen wird, egal wieviel für Sicherheit investiert wird. Diese Risken können wir doch nicht unseren Kindern und Kideskindern aufbürden, wir müssen jetzt handeln und die Weichen für die Zukunft stellen - nur um das geht es erstmal derzeit. denn wenn wir jetzt wieder nichts aus der Katastrophe in Japan lernen und starten umzudenken, dann wird bald der nächste Meiler hochgehen, usw. und dann war es das für uns alle. Es musss eben immer einer damit anfangen umzudenken, das war schon immer so und dann die anderen langsam übereugen und mit ins Boot nehmen auch wenn es Zeit dauert.....

  • Wenn die Welt das EEG kopiert, dann nur weil die Politiker anderer Länder festgestellt haben, dass die Menschen unter dem Öko-Deckmantel bereit sind ihr Geld aus dem Fenster rauszuwerfen. Die Menschen betteln förmlich nach überteuerter Energie.

  • bitte Fakten, Fakten, Fakten - wenigstens ein paar, die Ihre Position, Alfred_H, untermauern. Die werden Sie nicht beibringen und deshalb ist Ihre Darstellung reine Polemik. Technisch schätze ich Sie als entweder mutlos oder ahnungslos ein.

  • Auf der Internetseite vom Ministerium für Wirtschaft und Technologie kann man alles über Energie in Deutschland u. im internationalen Vergleich downloaden.

    http://www.bmwi.de unter: Energie...Statistiken und Prognosen
    findet man alle Daten. Diese Daten zeigen auch, wie lächerlich die Entwicklung der Erneuerbaren Energien ist. Deutschland kann im internationalen Vergleich nur mit hohen Preisen punkten. Aber die Deutschen zahlen gern. Wie man hier von einigen auch treuherzig bekundet bekommt. Lasst uns die Welt retten. Deutschland voran. Los Europa, hab keine Scheu dir von uns die Schulden bezahlen zu lassen. Baut um uns rum AKWs. Wir kaufen euren Strom teuer, wenn bei uns Windstille ist und die Sonne nicht scheint. Lasst uns für unsere Naivität bitte an alle Staaten in Europa bezahlen. Nicht nur der Eurorettungsschirm soll unser Geld erhalten, nein wir wollen, dass die raffgierigen Energiekonzerne ihre Kraftwerke hinter unserer Grenze aufbauen. Denn von ihren Traumgewinnen wollen diese wohl kaum abrücken. Ihr träumt alle von Luftschlössern und bürdet euren Kindern Energiepreise auf, die sie sich irgendwann nicht mehr leisten können. Fragt nicht mich in welcher Welt ich lebe. Fragt euch das mal. Das EEG wurde doch nur erfunden, um den Menschen das Geld aus den Taschen zu ziehen. Die Welt retten will keiner von den Experten, Beratern und Politikern.

  • Manche meinen nur die Atomlobby will Geld machen, die Solar etc. Industrie nicht ? Bambiland läßt Grüssen. Die Grünen werden von dieser Lobby gut geölt

  • @ Alfred_H
    und Atomstrom wurde und wird künftig über die Zeit der Endlagerung nicht subventioniert?

    In welcher Welt leben Sie???

  • @Alfred_H

    Wir haben nicht die höchsten Preise in Europa, soviel zu Ihrem Expertenwissen und alle Welt kopiert das deutsche EE-Gesetz (mit leichten Abweichungen), komisch , gelle? Sind alle doof offensichtlich... .

    Abgesehen davon: wer konnte sich um 1900 und noch Jahre danach ernsthaft vorstellen, das Menschen mal zum Mond fliegen können (oder Atome spalten). Also, die Technik ist da, sie kann erweitert werden, keine Frage und über Fördergestaltung kann man auch reden. Aber das Prinzip ist richtig und für Ihre persönlich begrenzte Vorstellungskraft sind nur Sie selbst verantwortlich.

  • Zu dieser Erkenntniss brauch es doch keinen Top Berater. Langsam müsste auch der letzte von uns gemerkt haben, dass Energie aus A-Kernspaltung nur so lange sicher ist bis was passiert und es passiert of etwas, nicht immer der SuperGAU aber kleinere Störfälle andauernd. Natürlich ist es nicht leicht neue, saubere Energien zu finden bzw. die derzeitig bekannten wie Sonne, Wind, etc. effektiver zu gestalten. Dazu gehört eben Forschung u. Forschung kostet Geld. Solange aber Firmen, die Forschungen für ern. und sauber Energien vorantrieben keine Planungssicherheit haben, werden diese Firmen nicht mehr in die Forschung investieren bzw. pleite gehen. Unsere und auch andere Regierungen (ertmal zumindest EU weit) müssen sich zusammentun und einen weltweiten Ausstieg aus der Kernernergie vorantreiben und eine "Roadmap" dazu erstellen. Nur dann funktioniert das, aber natürlich auch nicht von heute auf morgen, aber zmindest kommen keine neuen AKW´s dazu und die Ältesten werden step by step vom Netz genommen. Leider ist es aber so, das in Japan, Frankreich und in den USA die meissten AKW´s stehen und sich da keiner darum schert von der Kernenergie wegzukommen. Erst gestern hat Obama in einen Interview gesagt die AKW´s in USA sind alle sicher, auch die die auf der St. Andreas Spalte in Kalifornien stehen. Solange die Regierungen der Länder mit den meissten bestehenden AKW´s so denken wird nichts passieren, da hilft auch nicht das wir in Dtl. und unsere Regierung langsam begreifen das das Ende der Kernenergie angebrochen ist und wir alle den Ausstieg vorantreiben müssen. Lieber bezahle ich etwas mehr für den Strom als das mir und uns allen in Europa passiert was in Japan gerade abgeht und natürlich nicht zu vergessen die nicht geklärte Endlagerung der verbrauchten Brennstäbe. Also, Ausstieg jetzt planen, Forschung für enreuebare, effizientere und saubere Energien vorantreiben, dann schaffen wir das auch, wir aus dem LAnd der Ingenieure und Erfinder.....:-)

  • Die Lösung des Problems von kurzfristigen Bedarfsspitzen in der Stromversorgung sind Gaskraftwerke! Sie lassen sich je nach Anforderung kurzfristig herauf und wieder herunter fahren. Siemens bietet gerade Japan diese Technik an. Sie kann in einem Jahr bereits vor Ort aufgebaut sein! Auch Deutschland könnte das kurzfristig.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%