Atomkraft
Sägen im Wasser

In den nächsten Jahrzehnten müssen in der Bundesrepublik 14 Atomkraftwerke abgerissen werden. Weltweit warten mehr als 100 stillgelegte Anlagen darauf, zerlegt und beseitigt zu werden. Deutsche Spezialisten haben dafür kostengünstige Techniken entwickelt und hoffen nun auf Milliardengeschäfte.
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DÜSSELDORF. In der riesigen Kuppel des Kernkraftwerks Stade (KKS) kreischen Sägen und Trennscheiben. Funken sprühen, wo Arbeiter mit Schweißgeräten dicke Metallteile zerlegen. Spezielle Schutzanzüge sind nicht nötig, obwohl in dem Reaktor, der noch immer unter der Kuppel steht, 26 Jahre lang Uran gespalten wurde, um Wärme und damit Strom zu erzeugen.

152 Milliarden Kilowattstunden hat das Kraftwerk im Lauf der Zeit produziert, mehr als dreimal so viel wie sämtliche Privathaushalte in Deutschland pro Jahr verbrauchen. Ende 2003 wurde es aus politischen und wirtschaftlichen Gründen stillgelegt. Besitzer Eon entschloss sich, den gesetzlich vorgeschriebenen Abriss unverzüglich in Angriff zu nehmen statt jahrzehntelang zu warten, bis die Radioaktivität im Innern der Kuppel abgeklungen ist.

Sämtliche Einbauten wurden dekontaminiert, wie der Fachausdruck heißt. Bis zu 300 Spezialisten wuschen jeden noch so kleinen strahlenden Partikel auf den Oberflächen ab oder ätzten ihn weg. Der Reaktor selbst enthält noch große Mengen an radioaktivem Material, ist aber dennoch keine Gefahr: Seine dicke Stahlhülle hält einen Großteil der Strahlung ab. Den Rest fangen die Betonwände ein, die ihn umgeben.

Damit sind die Voraussetzung dafür geschaffen, die Anlage bis zum Jahr 2015 komplett verschwinden zu lassen. 500 Millionen Euro hat Eon dafür kalkuliert, mehr als dreimal so viel wie der Bau des Kernkraftwerks einst kostete. Umgerechnet auf die insgesamt produzierte Strommenge sind das gerade mal ein Drittel Cent pro Kilowattstunde.

Die Fläche, die das Kernkraftwerk noch beansprucht, kann anschließend erneut genutzt werden. KKS-Besitzer Eon denkt daran, dort, direkt am Ufer der Elbe, ein Steinkohlekraftwerk zu bauen. "Die Bedingungen sind ideal", sagt KKS-Anlagenleiter Dieter Fömpe. "Wir haben tiefes Wasser, sodass Kohletransportschiffe direkt vor der Tür anlegen können, eine Anbindung an das Hochspannungsnetz und einen Großkunden direkt in der Nähe." Das ist der Chemiekonzern Dow Chemical, der etwa so viel Strom verbraucht wie das Atomkraftwerk einst produzierte.

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