Bilanz einer Katastrophe
„Dem Ökosystem Tschernobyl geht es heute besser als vor dem Unfall“

James Smith von der Uni Portsmouth gilt weltweit als einer der führenden Experten zur Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Im Interview spricht er über die Ökobilanz 25 Jahre nach dem Unfall.
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Unter Wissenschaftlern ist in den vergangenen Jahren ein beispielloser Streit über die ökologischen Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 25 Jahren entbrannt. Schlimme Missbildungen und geringere Artenvielfalt finden die einen - ein zwar noch immer strahlendes, aber dies besser als erwartet verkraftendes Naturrefugium sehen die anderen in der noch immer weitgehend menschenleeren Sperrzone.

James (Jim) Smith ist Umweltphysiker an der University of Portsmouth und Strahlenbiologie-Experte. Er hat ein Standardwerk zum Thema herausgegeben (Chernobyl: Catastrophe and Consequences) und betreut derzeit in Tschernobyl für die Internationale Atomenergieagentur (IAEA) die Stilllegung des 24 Quadratkilometer großen ehemaligen Kühlteiches des Kraftwerkes. Wie sieht er die bisherige Ökobilanz von Tschernobyl?

Dr. Smith, welche Effekte hatte und hat die Kontamination mit strahlendem Material in der 30-Kilometer-Zone um Tschernobyl?

In den am stärksten verseuchten Bereichen – das ist etwa ein Prozent der evakuierten Zone – hat es wahrscheinlich Strahlungseffekte bei Individuen gegeben, obwohl das kaum in Studien dokumentiert ist. Radiobiologische Untersuchungen von vor und nach dem Unfall zeigen aber, dass die Strahlendosen in der Exklusionszone wahrscheinlich keine Effekte auf Tierpopulationen insgesamt hatten und haben.

Dabei handelt es sich um Laborstudien, die in vielerlei Hinsicht aussagekräftiger sind als Feldstudien, weil man verfälschende Einflüsse wie etwa Unterschiede in den Lebensräumen oder den Strukturen der Ökosysteme ausschließen kann. Ihr Nachteil ist allerdings, dass sie nicht unter den tatsächlichen Lebensbedingungen der Tiere in der echten Umwelt gemacht werden können.

Eine Forschergruppe um Anders Møller und Tim Mousseau hat öffentlichkeitswirksam immer wieder Studien veröffentlicht, die zu dem Schluss kommen, dass es in der Umgebung von Tschernobyl häufig zu Missbildungen bei Tieren kommt, dass die biologische Vielfalt geringer geworden ist und die Zahl der Tiere in stärker belasteten Gebieten abgenommen hat.

Ich habe zwei dieser Veröffentlichungen, wo es um Missbildungen bei Rauchschwalben geht, genauer analysiert, und in ihnen schwerwiegende methodische und statistische Fehler gefunden. Das muss nicht heißen, dass die Schlussfolgerungen falsch sind, aber Skepsis ist angebracht, speziell wenn die Ergebnisse unseren Laborergebnissen absolut widersprechen.

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  • @Blinse

    Na klar. Mit dem Zweiten sieht man besser! Besonders zum Jubiläum erfreut man sich völlig sachlicher Beiträge unserer Volkserziehungskanäle! LOL
    Schön, daß Sie geklickt haben. Aber mal richtig durchlesen scheint Ihnen Probleme zu bereiten, wie den meisten anderen sog. "Naturliebhabern".
    Und die "AKW"-Kritik, wie sie leibt und lebt in D, ist tatsächlich inzwischen eine Laienpredigerangelegenheit von Fanatikern. Oder wollen Sie das etwa leugnen?

  • Hallo Blinse,

    mir geht es auch so, diese ganzen Sprüche beider Seiten stören nur.

    Die Belastung der Wildschweine ist wohl regional unterschiedlich. In einzelnen Regionen ist die Hälfte verstrahlt, in anderen keine. Belastet natürlich schon, aber nicht über dem Grenzwert.

    Aber was für mich bleibt: Wenn es 25 Jahre nach einer Katastrophe in 2000 km Entfernung immer noch einzelne Regionen gibt, in denen das Wild verseucht ist, dann will ich so ein AKW nicht vor der Haustür. Und auch nicht in 100 km Entfernung. Und die Alternativen funktionieren ja und sind mittelfristig sogar günstiger als die konventionellen Kraftwerke.


    http://www.umweltrat.de/SharedDocs/Downloads/DE/02_Sondergutachten/2011_Sondergutachten_100Prozent_Erneuerbare.pdf?__blob=publicationFile

  • Eher Lobbyist als unabhängiger Experte!

    Es wäre angemessen, wenn das Handelsblatt darauf hinweisen würde, dass die IAEO, die laut Artikel die Studien von Smith finanziert (oder in Auftrag gibt?), vor allem eine Lobbyorganisation pro Atomstrom ist.
    Guter Journalismus sieht anders aus!

    Siehe auch:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_Atomenergie-Organisation#Kritik

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