Bilanz einer Katastrophe

„Dem Ökosystem Tschernobyl geht es heute besser als vor dem Unfall“

James Smith von der Uni Portsmouth gilt weltweit als einer der führenden Experten zur Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Im Interview spricht er über die Ökobilanz 25 Jahre nach dem Unfall.
  • Richard Friebe
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Göttinger Wissenschaftler haben ermittelt, dass sich Bäume - vor allem Kiefern - in der Sperrzone rund um das explodierte Atomkraftwerk Tschernobyl genetisch verändert und der hohen Strahlendosis angepasst haben. Quelle: dpa

Göttinger Wissenschaftler haben ermittelt, dass sich Bäume - vor allem Kiefern - in der Sperrzone rund um das explodierte Atomkraftwerk Tschernobyl genetisch verändert und der hohen Strahlendosis angepasst haben.

(Foto: dpa)

Unter Wissenschaftlern ist in den vergangenen Jahren ein beispielloser Streit über die ökologischen Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 25 Jahren entbrannt. Schlimme Missbildungen und geringere Artenvielfalt finden die einen - ein zwar noch immer strahlendes, aber dies besser als erwartet verkraftendes Naturrefugium sehen die anderen in der noch immer weitgehend menschenleeren Sperrzone.

James (Jim) Smith ist Umweltphysiker an der University of Portsmouth und Strahlenbiologie-Experte. Er hat ein Standardwerk zum Thema herausgegeben (Chernobyl: Catastrophe and Consequences) und betreut derzeit in Tschernobyl für die Internationale Atomenergieagentur (IAEA) die Stilllegung des 24 Quadratkilometer großen ehemaligen Kühlteiches des Kraftwerkes. Wie sieht er die bisherige Ökobilanz von Tschernobyl?

Dr. Smith, welche Effekte hatte und hat die Kontamination mit strahlendem Material in der 30-Kilometer-Zone um Tschernobyl?

In den am stärksten verseuchten Bereichen – das ist etwa ein Prozent der evakuierten Zone – hat es wahrscheinlich Strahlungseffekte bei Individuen gegeben, obwohl das kaum in Studien dokumentiert ist. Radiobiologische Untersuchungen von vor und nach dem Unfall zeigen aber, dass die Strahlendosen in der Exklusionszone wahrscheinlich keine Effekte auf Tierpopulationen insgesamt hatten und haben.

Dabei handelt es sich um Laborstudien, die in vielerlei Hinsicht aussagekräftiger sind als Feldstudien, weil man verfälschende Einflüsse wie etwa Unterschiede in den Lebensräumen oder den Strukturen der Ökosysteme ausschließen kann. Ihr Nachteil ist allerdings, dass sie nicht unter den tatsächlichen Lebensbedingungen der Tiere in der echten Umwelt gemacht werden können.

Eine Forschergruppe um Anders Møller und Tim Mousseau hat öffentlichkeitswirksam immer wieder Studien veröffentlicht, die zu dem Schluss kommen, dass es in der Umgebung von Tschernobyl häufig zu Missbildungen bei Tieren kommt, dass die biologische Vielfalt geringer geworden ist und die Zahl der Tiere in stärker belasteten Gebieten abgenommen hat.

Ich habe zwei dieser Veröffentlichungen, wo es um Missbildungen bei Rauchschwalben geht, genauer analysiert, und in ihnen schwerwiegende methodische und statistische Fehler gefunden. Das muss nicht heißen, dass die Schlussfolgerungen falsch sind, aber Skepsis ist angebracht, speziell wenn die Ergebnisse unseren Laborergebnissen absolut widersprechen.

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32 Kommentare zu "Bilanz einer Katastrophe: „Dem Ökosystem Tschernobyl geht es heute besser als vor dem Unfall“"

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  • @Blinse

    Na klar. Mit dem Zweiten sieht man besser! Besonders zum Jubiläum erfreut man sich völlig sachlicher Beiträge unserer Volkserziehungskanäle! LOL
    Schön, daß Sie geklickt haben. Aber mal richtig durchlesen scheint Ihnen Probleme zu bereiten, wie den meisten anderen sog. "Naturliebhabern".
    Und die "AKW"-Kritik, wie sie leibt und lebt in D, ist tatsächlich inzwischen eine Laienpredigerangelegenheit von Fanatikern. Oder wollen Sie das etwa leugnen?

  • Hallo Blinse,

    mir geht es auch so, diese ganzen Sprüche beider Seiten stören nur.

    Die Belastung der Wildschweine ist wohl regional unterschiedlich. In einzelnen Regionen ist die Hälfte verstrahlt, in anderen keine. Belastet natürlich schon, aber nicht über dem Grenzwert.

    Aber was für mich bleibt: Wenn es 25 Jahre nach einer Katastrophe in 2000 km Entfernung immer noch einzelne Regionen gibt, in denen das Wild verseucht ist, dann will ich so ein AKW nicht vor der Haustür. Und auch nicht in 100 km Entfernung. Und die Alternativen funktionieren ja und sind mittelfristig sogar günstiger als die konventionellen Kraftwerke.


    http://www.umweltrat.de/SharedDocs/Downloads/DE/02_Sondergutachten/2011_Sondergutachten_100Prozent_Erneuerbare.pdf?__blob=publicationFile

  • Eher Lobbyist als unabhängiger Experte!

    Es wäre angemessen, wenn das Handelsblatt darauf hinweisen würde, dass die IAEO, die laut Artikel die Studien von Smith finanziert (oder in Auftrag gibt?), vor allem eine Lobbyorganisation pro Atomstrom ist.
    Guter Journalismus sieht anders aus!

    Siehe auch:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_Atomenergie-Organisation#Kritik

  • Hallo Anonym und Nachdenker.
    Bevor ihr beide als kompetente Geistesblitze durchgeht, noch mal was zu den Wildschweinen. Gestern (26.04.) kam im ZDF ein interessanter Bericht aus Bayern. Der zuständige Revierförster muß in diesem belasteten Teil des bayerischen Waldes nahezu jede Sau, die geschossen wurde, entsorgen: Immer noch zu hoch belastet. Er sah vor der Kamera nicht aus, als ob er sich das ausdenkt. Nach wie vor sind Pilze aus diesem Wald nicht genießbar, da Grenzwerte weit überschritten werden.

    Das hört sich für mich nicht an wie 2% der Schweine, das hört sich eher an wie jedes 2. Schwein.

    Nur mal so erwähnt, weil ihr doch so großen Wert darauf legt, sich nicht nur einseitig zu informieren.
    Danke auch an den Nachdenker, habe mir den Link angeschaut. Kann ja nicht schaden! Und was lese ich dort u.a.? Little boy strahlt gar nicht doll, weil diese Bombe nicht darauf ausgelegt war. Zynisch, aber wohl wahr. Und Tschernobyl (aus 3Sat): 5 Prozent (in Worten: FÜNF)sind in die Luft gepustet worden, 95 % sind noch drin in dieser Scheißkiste. Ich finde, dafür war der Schaden an Mensch, Tier und Pflanze doch groß genug. Oder?
    Und by the way: Wenn ich von diesem Artikel nur die Überschrift lese, dann beschliesse ich als Naturliebhaber, einige AKWs ganz einbfach in die Luft zu sprengen. Es müßte der Natur gut tun! Ist das der richtige Schluß? Oder bin ich etwa auch Teil der Natur?

    Also, nichts gegens Nachdenken, aber alle AKW-Kritik als grüne Laienpredigt abtun ist nun auch ein bißchen platt.

  • *ein Taschentuch reich*

  • Sie brauchen sich nicht nachträglich herausreden.
    Ich habe Ihren infantilen Kommentar der Redaktion gemeldet. Wenn Sie wollen, kann ich ihn auch Ihrer Mami melden, was wahrscheinlich wirksamer ist.
    Das Handelsblatt ist immer noch eine recht seriöse Zeitung und sollte auch in Zukunft nicht zu einer ASTA-Wandzeitung verkommen. Vielleicht sollten Sie erstmal Ihren Kurs im Daumenlutschen absolvieren, bevor Sie wieder solchen Mist schreiben!

  • Es sieht aus, daß Ihnen nicht nur die Phantasie fehlt.
    Ok, lassen wir das.
    Es ist schon ein starkes Stück, daß mit hysterischem Geschrei aus zwei Prozent "jedes zweite" gemacht wird. Ich hoffe für Sie, daß sie da wohl etwas schlecht hingehört haben und lasse bewußte Irreführung, wie letzte Zeit von diversen "Guten Organisationen" des öfteren zu hören, mal außen vor.
    Es ist Ihre persönliche Ansicht, welchem Guru Sie blind folgen möchten. Blos bitte vergiften Sie nicht die Atmosphäre mit Agitprop-Methoden!
    Wenn Sie lesen können, dann schlage ich Ihnen einen nicht nur einseitig recherchierten Artikel des natürlich "von der Atomlobby gekauften" Spiegel vor. Lesen Sie. Und denken Sie mal nach. Fragen nach dem warum, weshalb etc. helfen da ungemein. Auch ein Blick in ein Physikbuch.
    "Legenden vom bösen Atom"
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-54002273.html
    Wie gesagt, lesenswert. Nicht nur für Sie.

  • @Christian
    "und wir in Bayern noch jedes zweite geschossene Wildschwein wegen überhöhter Strahlenwerte vernichten müssen..... ?!"

    Es sind nur 2Prozent!!
    In Bayern werden gegenwärtig durchschnittlich 45 000 bis 50 000 Wildschweine pro Jahr erlegt. Nur rund zwei Prozent sind über den Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilo Frischfleisch belastet und dürfen nach den strengen deutschen und europäischen Fleischhygienerichtlinien nicht mehr verzehrt werden.

    Die hohe Belastung bei Wildschweinen ist hauptsächlich darauf zurück zu führen, dass sie sich von Hirschstrüffeln und Maronenröhrlingen ernähren, die als Radionuklidsammler gelten, das heißt, diese Pilze reichern strahlendes Cäsium 137 stärker an als andere Pilze.

  • Ein Versuch zu manipulieren und sich Aufmerksamkeit zu
    verschaffen.
    Fehlleitend und reisserisch aufgemacht.
    Das Thema ist hierfür leider zu ernst!

  • Schonmal was von Äpfeln und Birnen gehört? Portsmouth liegt erstens nicht in den USA und zweitens wird Munition aus abgereichertem Uran nicht getestet, sondern ist Teil des gängingen Arsenals und wird seit langem "erfolgreich" eingesetzt.

    Ob das jetzt gut, oder schlecht ist, sei dahingestellt, aber ihren Eifer sollten sie im Griff haben.

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