Bodenschätze
Eisiger Vorhang

Der Klimawandel macht die Arktis zunehmend zugänglich, und das weckt Begehrlichkeiten. Im Wettlauf um die regionalen Bodenschätze scheuen die angrenzenden Staaten auch vor militärischem Säbelrasseln nicht zurück.
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HEIDELBERG. Am 2. August 2007 gelang russischen Wissenschaftlern eine technische Meisterleistung: Sie setzten die Flagge ihres Landes am Nordpol - in mehr als 4 200 Meter Tiefe am Meeresgrund. Hinter dieser Aktion stand jedoch weniger Forscherehrgeiz, als vielmehr eine Machtdemonstration: Aus rostfreiem Titan soll die Fahne dort vom Anspruch Russlands auf den Nordpol künden und den Zugriff auf die in der Arktis vermuteten Bodenschätze sichern. Dies sei der "Beginn einer neuen Aufteilung der Welt", jubelte die Regierungszeitung "Rossijskaja Gaseta" angesichts der Heldentat.

Und Rohstoffe gibt es in diesem Teil der Erde reichlich, wie eine Studie des US Geological Survey unter Leitung von Donald Gautier aus Menlo Park andeutet: Etwa ein Viertel des weltweiten Vorkommens an Erdöl und Erdgas lagert dort; zudem vermuten die Forscher, dass ein Drittel der noch unentdeckten Gas- und 13 Prozent der bislang nicht erfassten Ölvorräte jenseits des Polarkreis verborgen sind. Dazu kommen Lagerstätten für Erze, die das unter der Erderwärmung dahinsiechende Eis mehr und mehr freigibt. Ressourcen, die Begehrlichkeiten wecken - nicht nur in Russland, sondern auch in anderen Anrainerstaaten. Kanadas damaliger Außen- und heutiger Verteidigungsminister Peter Mac Kay erwiderte nach der Beflaggung des Nordpols: "Die Arktis ist kanadisches Eigentum." Und Dänemarks Wissenschaftsminister behauptete: "Es gibt Hinweise, dass der Nordpol Dänemark zugesprochen wird."

Dabei ist völkerrechtlich noch völlig unklar, ob der Nordpol - und vor allem das Nordpolarmeer - überhaupt von einer Nation beansprucht werden kann: 1994 trat die Seerechtskonvention der Vereinten Nationen in Kraft, nach der Staaten Anspruch auf Meeresregionen erheben können, die bis zu 200 Seemeilen vor ihrer Küste liegen. Nur in Ausnahmefällen dürfen sie diese Zone mitsamt der Nutzungsrechte auf 450 Seemeilen ausdehnen. Eine Ausnahme, die Russland geltend macht: "Der Lomonossow-Rücken ist Teil von Russlands Landmasse", erklärte das russische Ministerium für Bodenschätze mit Blick auf das unterseeische Gebirge, das sich 1800 Kilometer quer durch den Arktischen Ozean zieht und auf dem die Russen ihre Fahne setzten.

Analysen hätten ergeben, dass die Kruste des Lomonossow-Rückens den weltweit bekannten Analogien der Kontinentalkruste entspricht und folglich zum Festlandsockel der Russischen Föderation gehört, so die offizielle Stellungnahme. Der russische Einflussbereich würde sich dadurch in der Arktis erheblich ausdehnen. Dänemark und Kanada halten wiederum dagegen, dass der Lomonossow-Rücken ein Teil Grönlands beziehungsweise Nordamerikas ist, weshalb er zu ihrem Territorium zähle. Für diese gemeinsame Übereinkunft haben die beiden Staaten sogar ihren eigenen arktischen Konflikt beiseitegeschoben: den Streit um die winzige Insel Hans, die zwischen dem kanadischen Ellesmere und Grönland - das völkerrechtlich an Dänemark angebunden ist - liegt und von beiden reklamiert wird. Auch im Fall von Hans geht es um Nutzungszonen und Schifffahrtsrechte, doch liegen hier die territorialen Gewinne deutlich niedriger als rund um den Nordpol.

Weitere konkurrierende Gebietsansprüche betreffen Russland und Norwegen, Kanada und die USA oder Dänemark und Island, wobei selbst befreundete Nationen wie Kanada und die Vereinigten Staaten schon scharfe diplomatische Protestnoten bezüglich der arktischen Gewässer ausgetauscht haben. Eine Entscheidung der Vereinten Nationen, wer wo seine Grenzen rund um den Nordpol ziehen darf, steht noch aus: Erst müssen die betroffenen Staaten wissenschaftliche Belege vorlegen, die ihre Ansprüche stützen - Kanada etwa hat für diese Datensammlung noch bis 2013 Zeit.

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