BP-Ölkatastrophe
"Wir haben unsere Lektionen nicht gelernt"

Ein Jahr nach der schlimmsten Öl-Katastrophe in der Geschichte der USA haben sowohl Öl-Industrie als auch US-Regierung nur kleine Veränderungen durchgesetzt. Dringend benötigte Reformen sind ausgeblieben, kritisiert Kert Davies von der Umweltschutzorganisation Greenpeace in Washington.
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Herr Davies, was hat sich nach der Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko verändert?

Leider nicht besonders viel. Es ist eher eine Reihe von kleinen Verbesserungen: Die Öl-Industrie wird in Zukunft wahrscheinlich etwas vorsichtiger sein und größeren Wert auf Sicherheit legen. Die Regulierer werden die Plattformen wohl gründlicher inspizieren. Die Regulierung hat sich etwas verschärft, aber es ist  kein Quantensprung. Die Öl-Konzerne haben längst wieder die Kontrolle übernommen.

Wie meinen Sie das?

Die Phase, in der die Öl-Industrie im Zentrum der Kritik stand, ist längst vorbei. Die Regierung gibt wieder Genehmigungen für Bohrungen in der Tiefsee aus. Ende März hat Präsident Obama angekündigt, die ­Öl-Importe um ein Drittel reduzieren zu wollen zu Gunsten der heimischen Öl-Förderung. Das ist vielleicht politisch gut, aber es ist nicht gut für die Umwelt. Die Kommission des Präsidenten, die die Ursachen der Öl-Katastrophe untersucht hat, ist zu dem Schluss gekommen, dass es fundamentale Probleme mit der Art und Weise gibt, wie die Branche funktioniert. Sie sagt, es gebe grobe Fehler im Regulierungsapparat. Ich sehe nicht, dass dies in der nächsten Zeit korrigiert wird. Es zu korrigieren würde bedeuten, Versagen einzugestehen.

Kann so eine Öl-Katastrophe wieder passieren?

Ja, so etwas kann sich leicht wiederholen. Es lässt sich im Moment gar nicht vermeiden. Vielleicht dauert es fünf oder zehn oder fünfzehn Jahre. Vielleicht passiert es nicht in den USA, sondern vor der brasilianischen Küste oder im Mittelmeer. Aber wir gehen davon aus, dass so etwas wieder passiert.

Wie bewerten Sie das große Interesse an Schiefergas, das durch die umstrittene Tiefbohrtechnik (Hydraulic Fracturing) gefördert wird ?

Wir sind gerade dabei, mit Hydraulic Fracturing die gleichen Fehler zu machen wie bei den Bohrungen in der Tiefsee. Es bestehen ähnliche Risiken: Die Chemikalien, die verwendet werden, können das Grundwasser verseuchen. Und es sind die gleichen Unternehmen: Halliburton, Exxon, Shell und so weiter. Wir sehen das gleiche Verhalten und die gleichen Schwächen in der Regulierung.

Wie kann das sein?

Der Appetit für Gas ist riesig - jetzt wo die Unternehmen die entsprechenden Technologien haben. Sobald die Technik funktioniert, legen sie los. Sie warten nicht darauf, dass die Regierung erst einmal ein Bild von der Lage macht. Wir haben unsere Lektionen von Deepwater Horizon nicht gelernt. Wir müssten sie in vielen Bereichen anwenden, beim Hydraulic Fracturing, aber auch in der Atom-Industrie. Auf einer größeren Ebene existierten die Probleme also immer noch. Das ist ziemlich deprimieren.

Mr. Davies, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Astrid Dörner ist Korrespondentin in New York.
Astrid Dörner
Handelsblatt / Deskchefin Agenda

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