Alternative zu Kautschuk
Löwenzahn gibt Gummi

Schon in den 30er Jahren experimentierten Russen mit Kautschuk aus Löwenzahn-Wurzeln. Nun wurde der alternative Rohstoff neu entdeckt. Reifenhersteller Continental ist einer der Löwenzahn-Pioniere.
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MoskauAutoreifen enthalten Kautschuk. Zwischen 70 und 75 Prozent der Weltproduktion an natürlichem Kautschuk dienen der Reifenindustrie. Tatsächlich gelten Produkte aus natürlichem Kautschuk, der aus Latex - also dem Milchsaft des Kautschukbaums -, hergestellt wird, immer noch oft als umweltfreundlich im Gegensatz zu synthetischem Kautschuk auf petrochemischer Basis.

Doch Kautschukplantagen werden immer mehr zum Umweltproblem: Sie nehmen weltweit fast 13 Millionen Hektar ein. Das sind über zwei Millionen Hektar mehr als noch vor einem Jahrzehnt. Zwischen 4,3 und 8,5 Millionen Hektar zusätzlicher Kautschukplantagen würden laut Forschern der University of East Anglia benötigt, um den bis 2024 veranschlagten Bedarf zu decken. Die Auswirkungen auf die Umwelt wären katastrophal. Deshalb erforschen Reifenhersteller und Autobauer nun eine völlig andere Lösung für das Gummi-Problem, das buchstäblich in einem sowjetischen Experiment aus den 30er-Jahren wurzelt: Kautschuk aus Löwenzahn-Wurzeln.

Die Sowjetunion, erpicht auf eine einheimische Quelle für Kautschuk, rief damals eine Kampagne ins Leben, um alternative Gummi-Pflanzen zum Kautschukbaum Hevea zu finden. Schließlich erwiesen sich zwei Arten des Russischen Löwenzahns, kok-saghyz und krym-saghyz, als geeignet. Beide sind ursprünglich in den Ausläufern des Tian-Shan-Gebirges und der Krim beheimatet. Schon bald wurde der Löwenzahn massiv in Russland, Kasachstan, Weißrussland, der Ukraine und dem Baltikum angebaut.

Nach der japanischen Besetzung Malaysias 1942 lagen etwa 97 Prozent der Weltproduktion von Naturkautschuk in den Händen der Achsenmächte. Die USA und Großbritannien sahen sich gezwungen, intensiv an synthetischem Kautschuk zu forschen. Löwenzahn-Kautschuk setzte sich letztlich nie durch, und die Sowjetunion beendete das Projekt nach dem Krieg.

Heute wird Löwenzahn wegen ökologischer Probleme und Fortschritten in der Gentechnik wieder entdeckt und neu erforscht. Befürworter sehen zahlreiche Vorteile: Löwenzahn kann in nördlichen Klimazonen und in der Nähe von Industriegebieten gedeihen. Das verringert Logistikkosten und somit Treibhausgase ganz wesentlich. Die Pflanze ist außerdem anspruchslos, wächst auf Boden, der für konventionelle Landwirtschaft ungeeignet ist. Außerdem ist eine vollautomatisierte Ernte möglich. Hinzu kommt: Der Erntezyklus ist um einiges kürzer als beim Hevea-Baum - ein Jahr im Vergleich zu sieben bis acht Jahren. So kann auf einen starken Anstieg der Nachfrage schnell reagiert werden.

Vermutlich wird es noch mindestens zehn bis 15 Jahre dauern, bis Löwenzahn eine rentable Alternative für die Reifenindustrie ist. Es ist nötig, bei der Schädlings- und Krankheitsresistenz weiter zu forschen. Auch wurde bisher noch keine wirksame Methode entwickelt, damit sich die Pflanze nicht ungehindert ausbreitet. Wie jeder Gärtner bestätigen kann, ist Löwenzahn ein hartnäckiges Unkraut, dessen Samen durch den Wind ausgebreitet werden.

Ein weiteres Problem: Nur zehn bis 15 Prozent der Pflanze werden tatsächlich für die Kautschukproduktion verwendet, wodurch eine große Menge Abfall entsteht. Eine mögliche Lösung: die Produktion des Polysaccharids Inulin, einem natürlichen Ballaststoff, der zur Gewinnung von Präbiotika dient und heute typischerweise aus der Chicoreewurzel stammt. Allerdings ist der Markt für Inulin noch zu klein, um den gesamten Abfall aufzuwerten.

Zu den Unternehmen, die die Forschung an Löwenzahn- Kautschuk unterstützen, zählen unter anderem Bridgestone, Cooper Tire, Goodyear, Ford, Linglong und Sumitomo Rubber. Der deutsche Reifenhersteller Continental wurde zum Vorreiter. Für seine Winterreifen mit einem Laufstreifen aus reinem Löwenzahnkautschuk wurde das Unternehmen mit dem GreenTec Award 2014 in der Kategorie „Automobilität“ ausgezeichnet.

Continental beschreibt das Projekt zwar immer noch als ein „großes unternehmerisches Risiko“, schreitet aber konsequent voran. Der Konzern mit einem Umsatz von etwa 40 Milliarden Euro kündigte zu Jahresbeginn eine Investition von 35 Millionen Euro für den Bau eines Labors in Anklam in Mecklenburg-Vorpommern an. Dort soll Kautschuk aus Löwenzahn gewonnen werden. Zudem soll in den nächsten fünf Jahren die Anbaufläche von 15 auf 800 Hektar erhöht werden. Nach dem Motto „von Gramm über Kilo zu Tonnen“.

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