Berliner Fischzucht-Start-up ECF Auf den Barsch gekommen

Mitten in Berlin züchtet ein Start-up Fische, die wiederum Kräuter düngen. Ecofriendly Farmsystems beliefert unter anderem Rewe. Nun entstehen solche Fisch-Gemüse-Farmen in ganz Europa.
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„Sinnvolles tun für die Gesellschaft.“ Quelle: ECF Farmsystems
Christian Echternacht und Nicolas Leschke (r.)

„Sinnvolles tun für die Gesellschaft.“

BerlinDer Duft von frischem Basilikum weht mitten durch Berlin. Versteckt neben einer alten Malzfabrik in Schöneberg steht ein Gewächshaus mit Tausenden Kräutertöpfen. Nebenan schwimmen in 13 Aufzuchtbecken hellrosa Barsche. Nach sieben Monaten haben sie ihr Schlachtgewicht erreicht, werden als „Hauptstadt-Barsch“ an Supermärkte wie Rewe geliefert. „In ganz Berlin gibt es keinen frischeren Fisch und Basilikum“, sagt Nicolas Leschke, Mitgründer von Ecofriendly Farmsystems (ECF). Der 39-Jährige mit Hipsterbart hat die Farm 2014 mit Christian Echternacht aufgebaut.

Das Besondere: Hier werden Pflanzen und Fische in einem Kreislauf zusammen gezüchtet. Aquaponik heißt die Methode. Die 1.800-Quadratmeter-Farm sammelt auf dem Dach Regenwasser für die Barsche. Das spart rund 20.000 Euro Wasserkosten im Jahr. Die flüssigen Ausscheidungen der Fische, giftiges Ammonium, wandeln Mikroorganismen in Nitrat um. „Wertvoller Dünger, den wir in unsere Gewächshäuser leiten“, sagt Leschke. Auf Pestizide verzichten die Stadtfarmer, Insekten schützen die Pflanzen vor Schädlingen. Die Barsche bekommen Biofutter und brauchen keine Medikamente.

Projekt Zukunft – Die neue Ära der Kreislaufwirtschaft

Projekt Zukunft – Die neue Ära der Kreislaufwirtschaft

Schon die Azteken nutzten die kombinierte Fisch- und Pflanzenzucht – etwa im 14. Jahrhundert in der „Mega-City“ Tenochtitlán mit einer Viertelmillion Einwohnern. Dort wurden in den Chinampas – kleinen Inseln im Fluss – Mais und Tomaten angebaut.

Laut Welternährungsorganisation FAO züchten heute 800 Millionen Städter weltweit Gemüse oder Tiere – das sind 15 bis 20 Prozent der globalen Lebensmittelproduktion. Viele tun dies aus blanker Not. 2050 werden laut Uno zwei von drei Menschen in Städten leben. Damit steigt die Bedeutung des Urban Farming, der Lebensmittelproduktion in der Stadt.

„Aquakultur in der Stadt ist aufgrund der Konsumentennähe und der Möglichkeit zum direkten Einblick in die Produktionsweise ein Trend mit Zukunft“, meint Carsten Schulz, Professor für Marine Tierzucht an der Universität Kiel. Einerseits sei die Produktionstechnik noch relativ teuer. Andererseits sind die Weltmeere überfischt, und die Erdbevölkerung wächst weiter. Den zunehmenden Bedarf an Fisch könnten nur Aquakulturen decken, sind Experten wie Schulz überzeugt. Von dort stammt laut FAO schon heute fast die Hälfte der konsumierten Fische.

„In Aquakulturen sind Fische viel weniger gestresst als in der Natur“, sagt Tiermediziner Schulz. Fische reagierten sehr sensibel. „Sobald etwas mit der Haltung nicht stimmt, fressen und wachsen Fische schlecht. Es liegt also im Interesse des Züchters, dass es ihnen gutgeht.“

„Kein Fisch ist frischer.“ Quelle: ECF Farmsystems
Hauptstadt-Barsch von ECF

„Kein Fisch ist frischer.“

„Unsere Fische sind gesund, brauchen keine Antibiotika“, versichert Leschke. Dafür ist der Hauptstadt-Barsch mit 11,99 Euro pro Kilo allerdings auch nicht billig. Die Berliner Fischfarm kann im Jahr 30 Tonnen Fisch produzieren. Das reicht für 2 000 Stadtmenschen im Jahr.

Bevor sie auf den Barsch kamen, hatten die Gründer lange mit Gemüseanbau in der Stadt experimentiert: Auberginen, Gurken, Paprika, Kohl, Melonen und Tomaten. „Wir sind ja keine Landwirte, sondern Autodidakten“, sagt Leschke. Expertise holen sich die Pioniere von Wissenschaftlern und Mitarbeitern.

Echternacht, 46, ist Internetunternehmer, Leschke hat in London Management studiert. 2003 gründete er in Venedig das Start-up Planet Audio Guide („Wir waren die ersten weltweit, die Stadtführungen per MP3-Player anboten“). 2009 startete Leschke mit Studienfreunden in Indien das Project Dharma Life. Die Firma vertreibt auf dem Land Produkte mit sozialem Mehrwert wie Solarlampen oder Wasserfilter. Das Sozialunternehmen beschäftigt 11 000 Vertriebler und 400 Mitarbeiter. „Ich wollte immer etwas Sinnvolles für die Gesellschaft tun“, so Leschke. „Autos zu verkaufen würde mich nicht befriedigen.“

Auch mit den Aquaponik-Farmen will Leschke die Welt ein bisschen verbessern. „Der lokale Anbau verkürzt Transportwege und Kühlketten“, lobt ECF-Kunde Rewe. Die Supermarktkette verkauft seit März in 340 Filialen rund um Berlin „Hauptstadt-Basilikum“ für 1,99 Euro. Das Basilikum von ECF verkaufe sich gut. Kunden schätzten die lange Haltbarkeit, so Rewe. Durch kurze Transportwege kann auf Plastik-Bewässerungsschalen verzichtet werden. Das spart jährlich sechs Tonnen Plastikmüll. 430 000 Töpfe kann ECF in der Berliner Farm im Jahr anbauen.

 Neben sieben Farmarbeitern besteht das Team aus fünf Experten, die neue Aquaponik-Anlagen planen und schlüsselfertig bauen. Auf dem historischen Schlachthof Abattoir in Brüssel baut ECF mit der Natural Thinking Factory derzeit Europas größte Aquaponik-Farm. Auf dem Dach werden Fisch und Gemüse gezüchtet, in den Markthallen darunter verkauft – „frischer geht es nicht“, sagt Leschke.

Abwärme heizt Treibhaus

In der Schweiz hat ECF eine Anlage für einen Gemüsegroßhändler gebaut. Diese wird mit Abwärme der Kühlanlagen beheizt. Leschke: „Besonders sinnvoll sind Aquaponik-Farmen in der Nähe von Kraftwerken oder Industrien, die viel ungenutzte Energie freisetzen.“ In Kasachstan plant ECF eine Drei-Hektar-Anlage für Forellen und Salat. Auch in Albanien und Luxemburg sind die Berliner in Verhandlungen. Die Anlagen kosten je nach Größe schlüsselfertig zwischen 250 bis 800 Euro pro Quadratmeter. ECF entwickelt auch moderne Sensortechnik. Die Farm ist fast komplett digitalisiert.

Die Berliner sind nicht die Einzigen, die Aquaponik-Farmen bauen. Die Urban Farmers aus der Schweiz konzipieren ähnliche Anlagen. In Brooklyn betreibt das Start-up Edenworks ebenfalls eine Fisch-Kräuter-Farm.

Finanziell wird ECF seit 2014 von der IBB Beteiligungsgesellschaft Berlin und Brandenburg und einem Privatinvestor mit einem siebenstelligen Betrag unterstützt. „Regionalität und nachhaltige Produktion werden immer bedeutender bei der Lebensmittelproduktion“, begründet Marco Zeller von der IBB die Investitionsentscheidung. Aquaponik habe sich von einem Nischen- zu einem Trendthema mit großem Potenzial entwickelt. Zeller schätzt Gründer Leschke als Visionär und guten Netzwerker. Der lasse sich auch dann nicht entmutigen, wenn Dinge anders laufen als geplant.

Das Start-up wird 2017 wohl profitabel arbeiten bei einem Umsatz von etwa zwei Millionen Euro. Die Berliner Stadtbauern haben große Pläne: „Schon in naher Zukunft wird es einige unserer Fisch-Gemüse-Farmen in verschiedenen deutschen Städten geben.“ Mehr verrät Leschke nicht.

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