Energiewende in Deutschland

Die doppelte Kernspaltung

Die Energiewende in Deutschland hat die großen Stromproduzenten Eon und RWE in die Bredouille gebracht. Sie haben drastisch darauf reagiert. Jetzt gibt es statt zwei gleich vier Unternehmen.
Eon-Chef Johannes Teyssen überrraschte Ende 2014 die Öffentlichkeit mit seinem Plan überrascht, den Branchenriesen in zwei Teile aufzuspalten. Quelle: dpa
Eon

Eon-Chef Johannes Teyssen überrraschte Ende 2014 die Öffentlichkeit mit seinem Plan überrascht, den Branchenriesen in zwei Teile aufzuspalten.

(Foto: dpa)

DüsseldorfEnde 2015, in der Woche vor Weihnachten, kamen beim Energiekonzern Eon die  Möbelpacker. Zehn Lastwagen fuhren ständig zwischen verschiedenen Standorten in  den beiden Städten Düsseldorf und Essen im Westen Deutschlands hin und her. 40.000 Umzugskartons wurden ein- und ausgepackt, 1200 Schreibtische verschoben, 3200 Mitarbeiter wechselten ihr Büro.

Hinter der logistischen Herausforderung steckte aber ein noch viel größeres unternehmerisches Abenteuer. Bis zum Jahreswechsel vollzog der bis dahin größte Strom- und Gasversorger Europas eine spektakuläre Spaltung. Die Eon SE konzentriert sich seither komplett auf das Geschäft mit den erneuerbaren Energien, Vertrieb und Netzen. Der Konzern verließ den bisherigen Stammsitz in Düsseldorf, in der Nähe des Rheinufers, und zog nach Essen um.

Von der alten Konzernzentrale aus wird seither ein komplett neues Unternehmen gesteuert: Uniper. In diese Gesellschaft hat Eon die Kohle- und Gaskraftwerke, das Trading und die Gasproduktion abgespalten ­– also die alte Energiewelt.

Teurer Strom und Monstertrassen
Energiewende im Faktencheck
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Weg von Atom, Kohle und Gas, hin zu Sonne, Wind und Biomasse. Das ist – einfach gesagt – die Energiewende. Was sie aber auch ist: ein ewiger Zankapfel für Politiker, Umweltschützer, Industrie, Landbesitzer, Investoren. Denn es geht nicht nur um Atomausstieg und Klimaschutz, sondern auch um viel Geld – und das betrifft jeden, der Strom aus der Steckdose bekommt. Ein Faktencheck.

1. Die Energiewende macht den Strom teurer
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Es stimmt, dass viele Strom-Endkunden wegen der Energiewende mehr zahlen müssen. Das heißt aber nicht, dass der Strom an sich teurer wird. Im Gegenteil: Der sogenannte Börsenstrompreis, zu dem Versorger Strom im Großhandel einkaufen, sinkt seit Jahren drastisch.

Deutschen Stromkunden müssen zusätzlich aber verschiedene Steuern, Abgaben und Umlagen zahlen – darunter die EEG-Umlage. Diese steigt, wenn die Börsenpreise für Strom sinken. Der Grund: Wer etwa einen Windpark betreibt, bekommt für den produzierten Strom bisher eine festgeschriebene Vergütung, die über die Umlage finanziert wird.

Stromzähler
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2016 liegt die EEG-Umlage bei 6,354 Cent pro Kilowattstunde. Die Denkfabrik Agora Energiewende hat errechnet, dass sie im kommenden Jahr auf 7,1 bis 7,3 Cent ansteigen wird – hauptsächlich, weil der Börsenstrompreis weiter sinkt. Trotzdem dürfte sich für Stromkunden wenig ändern, wenn die Energiekonzerne ihre sinkenden Kosten auch weitergeben. Ein Vier-Personen-Haushalt verbraucht laut „Stromspiegel 2016“ im Schnitt etwa 4200 Kilowattstunden pro Jahr. Damit zahlt dieser Haushalt 2017 ungefähr 300 Euro für die EEG-Umlage.

2. Trassen für den Ökostrom verschandeln die Natur
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Das Thema Netzausbau gehört zu den schwierigsten in der Energiewende. Die Hauptaufgabe: Der Windkraft-Strom aus dem Norden muss in den Süden. Zuständig ist die Bundesnetzagentur. Wie gut es mit dem Ausbau läuft, ist Ansichtssache. Dem sogenannten Bundesbedarfsplangesetz zufolge sind etwa 6200 Kilometer an Leitungen nötig – nach dem ersten Quartal 2016 waren 65 Kilometer gebaut und 350 Kilometer genehmigt.

Erdkabel
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Mit dem Kampfbegriff „Monstertrassen“ meinen Kritiker die großen Nord-Süd-Stromleitungen. Die Politik einigte sich im vergangenen Jahr nach Druck vor allem aus Bayern darauf, dass Erdkabel Vorrang haben. So sollen Klagen verhindert werden, die Zeit und Geld kosten. Die Erdverkabelung macht den Netzausbau aber teurer und langsamer. Erdkabel kosten das Drei- bis Zehnfache von Überlandleitungen. Der Netzagentur zufolge wird die 800 Kilometer lange SuedLink-Trasse – die „Hauptschlagader“ der Energiewende – erst 2025 fertig, drei Jahre später als geplant.

3. Durch den Ökostrom-Ausbau gibt es insgesamt zu viel Strom
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Inzwischen kommt mehr als ein Drittel des deutschen Stroms aus Öko-Quellen, auch in der Summe steigt das Angebot an Elektrizität. Die heutigen Stromnetze können überlastet werden, denn es kann nur eine bestimmte Strommenge durchlaufen. Und wenn der Wind kräftig weht und die Sonne knallt, dann gibt es in Deutschland mehr Strom, als in die Netze passt.

Darauf sind mehrere Antworten möglich: 1. Die Netze müssen ausgebaut werden. 2. Die Erneuerbaren müssen gebremst werden. 3. Atom- und Kohlekraftwerke müssen abgeschaltet werden. 4. Der Strom muss gespeichert werden. 5. Der Stromverbrauch muss sich dem Angebot besser anpassen - über ein sogenanntes Lasten-Management.

Kühltürme eines Braunkohlekraftwerks
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Wie Lasten-Management für Privatleute gehen kann, beschreibt etwa die Agentur für Erneuerbare Energien (AEE): „Die Verbraucher müssen stets über die vorhandenen Stromkapazitäten informiert sein und Anreize zur Anpassung ihrer Stromnachfrage durch entsprechende Tarife und Preissignale bekommen.“ Zudem kritisieren nicht nur Umweltschützer, dass Atom- und Kohlekraftwerke ihre Stromproduktion zu Spitzenzeiten oft nicht so reduzieren, wie sie es könnten. Andererseits ist ihre Flexibilität tatsächlich begrenzt: Es dauert, sie wieder auf Touren zu bringen.

Eon-Chef Johannes Teyssen hatte ein gutes Jahr zuvor, Ende 2014, die Öffentlichkeit mit seinem Plan überrascht, den Branchenriesen in zwei Teile aufzuspalten. Seit einigen Wochen ist das Projekt nun komplett abgeschlossen. Nachdem Eon und Uniper Ende des Jahres ihre Arbeit aufgenommen haben, hat Eon Anfang September auch die Kontrolle abgegeben. Am 12. September ging Uniper an der Börse. „Wir haben es geschafft“, sagte Teyssen sichtlich zufrieden – und wünschte „Uniper und Ihren Mitarbeitern alles Gute“.

Das neue Unternehmen kann die guten Wünsche gebrauchen – genau wie Eon selbst auch. Teyssen hatte sich für den Weg nicht aus einer Position der Stärke heraus entschieden, sondern weil er keinen anderen Ausweg aus einer existenzbedrohenden Krise gesehen hatte. Die Energiewende in Deutschland hat nicht nur die Energieversorgung radikal geändert, sie hat auch den Markt durcheinander gewirbelt.

Die Krise der deutschen Energiekonzerne begann im Jahr 2011 nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Deutschland reagierte so entschlossen wie kein zweites Land auf den GAU. Die Bundesregierung besiegelte den Atomausstieg und beschleunigte die Energiewende.  Die Betreiber von Wind- und Solaranlagen, die ihren Strom per Gesetz zu hohen Preisen und vorrangig ins Netz einspeisen dürfen, setzten ihren Siegeszug fort. Der Anteil an der Stromerzeugung lag 2015 schon bei 30 Prozent – zehn Jahre zuvor waren es nur zehn Prozent.

Im selben Maße werden aber die Kohle- und Gaskraftwerke aus dem Markt gedrängt. Für sie bleibt ein immer kleinerer Anteil der Nachfrage, um den sie konkurrieren können. Die steigenden Überkapazitäten schlagen sich entsprechend im Preis nieder. Konnten die Betreiber konventioneller Kraftwerke 2011 im Großhandel für eine Megawattstunde Strom noch mehr als 50 Euro erzielen, sind es derzeit kaum mehr als 25 Euro. Bei diesen Preisen werden immer mehr Kraftwerke zum Verlustgeschäft. Die Stromproduzenten mussten Milliarden abschreiben, bauten Stellen ab und drückten die Kosten. Eon wird in diesem Jahr zum dritten Mal in Folge einen Milliardenverlust verbuchen.

Dekarbonisierung, Dezentralisierung und Digitalisierung
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