Innovation des Start-ups Amsilk
Spinnenseide ohne Spinne

Ein bayerisches Start-up stellt die begehrte Naturfaser künstlich her. Amsilk bewegt sich auf einem spannenden Zukunftsfeld: der industriellen Biotechnologie. Es lockt ein Milliardenmarkt, um den aber mehrere Firmen kämpfen.
  • 0

PlaneggWenn Jens Klein Mitarbeiter von renommierten Unternehmen zu seiner doch noch eher unbekannten Firma Amsilk nach Martinsried bei München locken will, wirbt er gerne mit einer Vision: „In ein paar Jahren können Sie in einem Kaufhaus durch die Textilabteilung gehen, durch die Sport- und die Kosmetikabteilung, und überall finden Sie unsere Produkte.“ Das Potenzial des jungen Unternehmens sei riesig, soll das heißen. „Eines Tages wird es um Millionen-Stückzahlen gehen.“

Das Unternehmen bewegt sich in der Tat auf einem spannenden Zukunftsfeld: der industriellen Biotechnologie. „Es geht darum, das Beste aus der Natur zu nehmen und es industriell herzustellen“, sagt Klein. Die Firma hat ein Verfahren entwickelt, mit dem sich synthetische Spinnenseide herstellen lässt. Kolibakterien werden dabei genetisch so manipuliert, dass sie in großen Stahltanks den Eiweißstoff produzieren. Ein getrocknetes Seiden-Pulver kann dann für den Einsatz in Textilien, Kosmetika oder als Ummantelung von Implantaten genutzt werden.

Synthetische Seide ist widerstandsfähig, flexibel und weich. Vor allem aber ist sie biologisch zu 100 Prozent abbaubar. Neue nachhaltige Materialien sind derzeit vor allem in der Outdoor- und Sportartikelbranche das große Thema. Die Kunden wünschen sich funktionelle Kleidung, die schnell trocknet und belastbar ist. Dafür zahlen sie gern auch mal ein paar Hundert Euro für eine Jacke. Doch sollte diese möglichst auch ökologisch hergestellt sein. Die natürliche Gewinnung von Spinnenseide – das Melken von Seidenspinnen – ist aufwendig und teuer. Zudem müssen laut Tierschutz‧organisation Peta für ein einziges Seidenkleid 50.000 Seidenraupen getötet werden.

Und hier kommt als Alternative zu klassischen Funktionstextilien die synthetische, naturidentische Seide ins Spiel. Die synthetische Seide hat dieselben Eigenschaften wie künstliche Funktionsmaterialien und Fasern aus Seide, ist aber besser für das ökologische Gewissen. Amsilk nennt das synthetische Produkt Biosteel, also Biostahl. Es basiert auf Forschungen von Thomas Scheibel, Professor für Biomaterialien an der Uni Bayreuth. Im Labor war das Unternehmen schon weit, doch die Kommerzialisierung stand noch aus. Und dafür wurde Jens Klein geholt. Der Manager war unter anderem mehrere Jahre bei Fresenius und Evonik tätig.

Erste Erfolge gibt es schon. Der Sportartikelhersteller Adidas hat vor einigen Monaten in New York den Prototyp eines Schuhs aus dem „Biostahl“ präsentiert. Das Modell Futurecraft Biofabric soll zu 100 Prozent aus biologisch abbaubaren Materialien bestehen. Das Obermaterial ist komplett aus Biosteel-Fasern gefertigt. Dadurch erziele man „ein unvergleichlich hohes Maß an Nachhaltigkeit“, sagte Adidas-Manager James Carnes. Der Sportartikelhersteller und Amsilk wollen gemeinsam erforschen, wie Biosteel-Fasern in größerem Maßstab in Produkten genutzt werden können.

Es soll aber nicht bei dieser Allianz bleiben. „Wir sind mit vielen guten Partnern im Gespräch“, sagt Klein. Amsilk wolle sich nicht exklusiv binden, die Technologie schaffe den Durchbruch eher auf breiter Basis.

Amsilk ist aber nicht allein. Eine Reihe namhafter Start-ups arbeitet an ähnlichen Entwicklungen. Der Outdoor-Ausrüster North Face hat gemeinsam mit der Biotechfirma Spiber einen Parka aus künstlicher Spinnenseide entwickelt. Das US-Start-up Bolt Threads, das unter anderem Peter Thiel als Investor an Bord hat, brachte kürzlich als erstes Produkt eine Krawatte auf den Markt. Zudem ist eine Jacke von Patagonia geplant. Bislang sind das eher Pilotprojekte, um zu zeigen, was möglich ist. Denn das Material ist noch sehr teuer. Ob es den Massenmarkt erobern wird, ist zumindest umstritten.

Klein glaubt, dass Amsilk mit zwei Dutzend Patenten einen technologischen Vorsprung hat, auch bei der Produktionskompetenz. Es bestehe allerdings die Gefahr, dass Wettbewerber viel Geld investieren und den Abstand verkleinern. Daher sei es wichtig, das Unternehmen eines Tages auf eine breitere Basis zu stellen, zum Beispiel durch Kooperation mit einem Spezialchemie-Konzern. Auch ist für Branchenkenner eine Übernahme vorstellbar.

Die Textilindustrie, die lange keine großen Innovationen mehr gesehen hat, könnte eine Neuentwicklung gut gebrauchen. Doch gibt es auch andere Einsatzmöglichkeiten. Am Markt ist zum Beispiel bereits ein atmungsaktiver Nagellack, der mit Hilfe des Seiden-Pulvers hergestellt wird. Implantate wiederum werden vom Körper besser angenommen, wenn sie von einer Schicht Spinnenseide ummantelt sind.

Amsilk hat im vergangenen Jahr frisches Kapital eingesammelt. Hauptinvestor ist AT Newtec, eine der Investmenttöchter von Andreas und Thomas Strüngmann. Die Brüder hatten den Generikahersteller Hexal gegründet und gehören zu den aktivsten und nachhaltigsten Biotechinvestoren in Deutschland. Als Investor ist zudem MIG Fonds an Bord.

Die Eigentümer haben bislang einen zweistelligen Millionenbetrag investiert. Vorstandschef Klein geht ‧davon aus, dass für Amsilk „relativ zeitnah“ ein zweistelliger Millionenumsatz möglich ist. Bei fünf bis zehn Millionen Euro sei Amsilk profitabel. „Es gibt nichts, was nicht dafür spricht, dass dieses Geschäft nicht erfolgreich wird“, sagt Klein.

Axel Höpner
Axel Höpner
Handelsblatt / Büroleiter München

Kommentare zu " Innovation des Start-ups Amsilk: Spinnenseide ohne Spinne"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%