Climategate
„Klimaforschung braucht Offenheit“

Pünktlich zum Weltklimagipfel in Kopenhagen schlagen die Wogen hoch zwischen Klimaschützern und -skeptikern. Auslöser des Streits, im Web bereits als „Climategate“ tituliert, sind E-Mails englischer Klimaforscher, die Hacker im Internet veröffentlichten. Für den Klimaexperten Hans von Storch ist die Auseinandersetzung auch eine Folge mangelnder Transparenz in der Forschung. Im Interview stellt er seine etwas andere Sicht des Klimawandels vor.
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Einige Ihrer Kollegen nahmen den Gipfel in Kopenhagen zum Anlass, eine gleichnamige, sehr drastische Diagnose zu veröffentlichen, nach welcher der Klimawandel rascher voranschreitet und drastischer ausfallen wird als bislang befürchtet: Steht es wirklich so schlimm um unser Klima?

Die Lage ist auf alle Fälle ernst. Aber in dem Bericht wird suggeriert, dass alles schon bekannt sei, worüber tatsächlich noch spekuliert wird. Die methodische Kritik richtet sich hauptsächlich darauf, dass von relativ kurzen Zeiträumen auf wesentlich längere geschlossen wird. Ein Jahrzehnt allein ist jedoch nicht besonders geeignet, um langfristige Klimaentwicklungen zu beurteilen.

Welche Zeiträume müssten denn dann herangezogen werden?

Um gute Aussagen treffen zu können, braucht man 30 Jahre, wenn nicht mehr. Klimaveränderungen setzen sich zusammen aus einem Anteil, der von Treibhausgasen ausgeht, und einem anderen Anteil, der auf natürliche Schwankungen zurückgeht - und diese wechseln in Zeiträumen von Jahrzehnten. Und so erklären wir uns auch die gegenwärtige Phase, in der die Erwärmung nicht weiter voranschreitet. Diese Stagnation, wie sie manche nennen, „beunruhigt“ deshalb auch ganz und gar nicht, denn derartige Episoden kommen klimatisch gesehen immer wieder vor. Es sollte darum eine grundsätzliche Ansicht in der Klimaforschung sein, dass man nicht zu sehr auf kurze Reihen setzen darf.

Ein weiterer entscheidender Punkt ist die Homogenität der Daten: Über die verschiedenen Jahre brauchen wir vergleichbare Zahlen. Wir können nicht zwischen verschiedenen Quellen hin und her springen. Das aber wurde zumindest in einem Fall gemacht mit den Daten, die kürzlich aus der Climatic Research Unit (CRU) der University of East Anglia an die Öffentlichkeit gekommen sind - der „trick“, der erwähnt wurde. „Trick“ bedeutet, dass man verschiedene Daten mischt und die Signale so zusammensetzt, dass sie das gewünschte Ergebnis liefern.

In der Diagnose ist unter anderem von einem Meeresspiegelanstieg um ein bis zwei Meter die Rede: eine Zahl, die vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) stammt. Hier existieren erhebliche Gegenmeinungen, die von einem weniger drastischen Anstieg ausgehen. Doch diese werden in dem Bericht nicht vermittelt. Das Ganze hat deshalb den Geruch einer für politische Zwecke dramatisierten Darstellung.

Ohnehin scheint es, dass die Töne in der Diskussion zum Klimaschutz in den letzten Jahren schriller wurden: Ausdruck der Verzweiflung der Wissenschaft, dass zu wenig getan wird?

Das stimmt. Ich würde mich freuen, wenn Sie nicht sagen würden „der Wissenschaft“, sondern "der schrillen Wissenschaftler". Es drängt sich in der öffentlichen Meinung immer der Eindruck auf, dass alles, was das PIK sagt, gleichbedeutend ist mit dem, was die Wissenschaft sagt. Das PIK spricht aber nicht für alle, es spricht nur für sich - auch wenn seine Meinungen und Deutungen in den Medien dominieren. Die Öffentlichkeit nimmt allerdings zunehmend wahr, dass das PIK nur einen Teil der Forscher vertritt.

Der Kopenhagen-Bericht unterstreicht dies jetzt, denn darin sind auch nur einige wenige Wissenschaftler vertreten. Und diese stellen ihre Diagnose für politische Zwecke. Wissenschaftliche Aussagen sollten aber nicht Politik machen, sondern die Hintergründe der gegenwärtigen Klimaveränderungen beschreiben und aufklären.

Vor ein paar Jahren haben mein Kollege Nico Stehr und ich schon bemängelt, dass die Aussagen immer weiter zugespitzt werden, um die Dramatik zu erhalten. Das ist einerseits verständlich, denn Medien benötigen diese Dramatik, um ihre Geschichte zu erzählen: Wenn man stets das Gleiche berichtet, hört ja irgendwann keiner mehr zu. Deshalb übertreibt man manche Aussagen immer wieder mal ein bisschen, doch das schadet am Ende mehr, als es nützt. Wir beobachten dies gerade wieder mit der Kopenhagen-Diagnose: Das PIK hat die Schraube wieder ein Stückchen weiter gedreht und erhält entsprechend die öffentliche Aufmerksamkeit.

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  • Ein sehr guter Artikel, der klar beim Namen nennt, was im bereich der Klimaforschung seit vielen Jahren passiert: Meinungsmache und Glaubensbekanntnis an den nahenden Weltuntergang; wer nicht bedingungslos zustimmt wird diskredietiert. Die katholische Kirche des Mittelalters hätte ihre Freude daran: Nun hat doch die Lehre über Ablässe eine Wiederbelebung erfahren.

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