CO2-Ausgleich
Klimafreundliches Tausch-Geschäft

Unternehmen helfen, im Ausland Kohlendioxid zu vermeiden. Brasilianer erhalten neue, energieeffizientere Kühlschränke, Inder bekommen Energiesparlampen. Der Sinn: Was die Konzerne im Ausland an Emission sparen, können sie Deutschland zusätzlich in die Luft blasen.
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DÜSSELDORF. Eigentlich gibt es keinen Grund, Niederaußem und Rujigou in einem Atemzug zu nennen. Gäbe es da nicht ein Instrument im Kyoto-Protokoll namens Clean Development Mechanism (CDM). Niederaußem ist eine kleiner Ort in Nordrhein-Westfalen, wo eines von Deutschlands klimaschädlichsten Kohlekraftwerken steht. Aus seinen Schornsteinen quellen jährlich Millionen Tonnen CO2. Das Kraftwerk gehört RWE, dem größten Kohlendioxid-Emittenten Europas.

Etwa 7 800 Kilometer weiter östlich in China liegt Rujigou. Dort versucht RWE, einen Ausgleich für seine Kohlendioxid-Emissionen in Deutschland zu schaffen. In einer Kohlemine sorgt der Konzern dafür, dass das klimaschädliche Gas Methan, das bei der dortigen Kohleförderung entsteht, abgesaugt und verbrannt wird. So wird nach Unternehmensangaben der Ausstoß von bis zu 500 000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr verhindert.

Die Idee hinter dem CDM: Unternehmen investieren in Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern und bekommen dafür Verschmutzungsrechte für ihr Heimatland zugesprochen, je nachdem, wie viele Tonnen klimaschädliche Gase durch ihr Engagement im Ausland weniger produziert werden. Gleichzeitig werden die Entwicklungsländer an den Klimaschutz herangeführt.

Die Kraftwerke von RWE stießen 2008 rund 145 Millionen Tonnen Kohlendioxid aus. Von der Bundesregierung hatte das Unternehmen allerdings nur Zertifikate für 84,9 Millionen Tonnen CO2 zugeteilt bekommen. Stößt ein Unternehmen mehr Kohlendioxid aus, als es darf, kauft es im Normalfall zusätzliche Verschmutzungsrechte an den Emissionshandelsbörsen. Eine Alternative ist die Investition in CDM-Projekte. Die Unternehmen erhalten dadurch nicht nur zusätzliche Verschmutzungsrechte, sondern können ihr Engagement auch öffentlichkeitswirksam präsentieren. Außer RWE beteiligen sich auch andere deutsche Konzerne an CDM-Projekten. In Brasilien tauschen Bosch und Siemens gemeinsam mit den örtlichen Stromversorgern alte Kühlschränke gegen neue, energieeffizientere Geräte aus. In Indien verschenkt der Leuchtenhersteller Osram gemeinsam mit RWE Energiesparlampen an die Haushalte.

Um als Gegenleistung für ihre Investition zusätzliche Emissionszertifikate zu erhalten, müssen die Unternehmen ihre Projekte durch unabhängige Zertifizierer bewerten lassen. Ein wichtiges Kriterium ist dabei laut Kyoto-Protokoll, dass die Emissionen zusätzlich reduziert werden. Genau da liegt der Kritikpunkt vieler Umweltverbände: Weil 20 Prozent der Zertifikate aus CDM-Projekten nicht zusätzlich erlangt werden, wie das Berliner Öko Institut im Auftrag der Umweltschutzorganisation WWF herausgefunden hat, werden 34 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich ausgestoßen – ohne Ausgleich.

Seit der Veröffentlichung des Berichtes im Jahr 2007 habe sich an diesem Problem wenig geändert, sagt Martin Cames, Leiter des Bereichs Energie & Klimaschutz am Öko Institut. Das liege vor allem an einigen zu schwachen Regeln. „Der Clean Development Mechanism kann und sollte verbessert werden“, fordert er. Eine Beibehaltung des Mechanismus auch nach Ablauf des Kyoto-Protokolls im Jahr 2012 hält er für richtig, da er „vor allem in Entwicklungsländern die Aufmerksamkeit stärker auf den Klimawandel gelenkt hat“.

Dana Heide ist Korrespondentin in Berlin.
Dana Heide
Handelsblatt / Korrespondentin

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  • "Deutschlands klimaschädlichsten Kohlekraftwerken" - dieser Ausdruck verrät völlige Ahnungslosigkeit in der Atmosphärenphysik. Denn "Klima" ist lediglich ein künstlich definiertes statistisches Aggregat von Wetterdaten, und CO2 aus Kraftwerken hat auf das Wetter keinerlei Einfluß.

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