Eingebunkertes Kohlendioxid
1 000 Meter unter dem Meeresgrund

Die norwegische Bohrinsel Sleipner präsentiert sich als Klimaretter: Freigesetztes Kohlendioxid wird in unterirdische Bunker gepumpt. Wären da nicht die Fragen der Sicherheit und der Wirtschaftlichkeit. Es ist nämlich extrem teuer und aufwendig, das Gas zu trennen und einzulagern.

STAVANGER. Vidar Rosenlund hat in mehrfacher Hinsicht einen einzigartigen Job. Der Techniker auf der norwegischen Bohrinsel Sleipner West verdient beinahe 100 000 Euro im Jahr – für nur zwei Wochen Schichtdienst im Wechsel mit vier Wochen Freizeit. Ungewöhnlich ist auch Rosenlunds Tätigkeit. Anders als seine Kollegen auf Tausenden Förderplattformen in aller Welt bohrt er nicht nach Öl und Gas, sondern pumpt riesige Mengen des Klimagifts Kohlendioxid tausend Meter unter den Meeresgrund.

Seit nunmehr elf Jahren wird auf Sleipner CO2 deponiert, eine Million Tonnen pro Jahr. Das sind immerhin drei Prozent der Emissionen Norwegens, und der bärtige Hüne Rosenlund im orangefarbenen Overall tut damit mehr für den Klimaschutz als manch theoretisierender Umweltlobbyist. „Andere reden nur vom Treibhauseffekt, wir handeln“, brüstet sich Margareth Øvrum, Technologievorstand bei Norwegens staatlichem Ölmulti Statoil, der Sleipner betreibt.

Lange Zeit hatte Statoils Vorreiterrolle niemanden sonderlich interessiert. Doch seit der Klimawandel zum politischen Topthema geworden ist, kann sich Sleipner vor neugierigen Besuchern kaum noch retten. Denn der Stahlkoloss in rauer See ist die größte und älteste Anlage zur CO2-Speicherung auf der Welt. Die Technologie gilt als Hoffnungsträger bei der Verringerung des Kohlendioxid-Ausstoßes.

Andris Piebalgs, der EU-Energiekommissar, braucht solche Hoffnungsträger. Es ist ein grauer Montagmorgen, der Wind pfeift über den Heliport des norwegischen Küstenstädtchens Stavanger, müde zwängt Piebalgs sich in den unbequemen Sitz eines von Statoil gecharterten Hubschraubers. Im Frühjahr hatten Europas Staats- und Regierungschefs vereinbart, bis 2020 den CO2-Ausstoß um mindestens 20 Prozent zu senken, 2050 sollen es sogar 60 Prozent sein. Jetzt ist Piebalgs an der Reihe. Er muss konkrete Vorschläge machen, wie die EU dieses Ziel erreichen kann. Doch niemand weiß bisher die Antwort.

Deshalb ist Brüssels oberster Energiepolitiker nach Stavanger gereist und will hinaus zur Plattform Sleipner, 250 Kilometer vor der Küste. Nach einer Stunde Flug bei ohrenbetäubendem Lärm erscheint das Ziel in den bullaugenförmigen Fenstern: ein bizarrer Komplex aus Stahl und Beton, Arbeitsplatz für 340 Menschen, die hier im Schichtbetrieb aus 8 500 Meter Tiefe jährlich 1,5 Millionen Kubikmeter Gas an die Oberfläche befördern. Das dabei mitgeführte Kohlendioxid versenken sie anschließend wieder im Meeresboden.

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