Eismeer-Transit
Klimawandel öffnet Nordmeerpassage

Mit der Fahrt der deutschen Frachter Beluga Fraternity und Beluga Foresight durch die Nordostpassage bricht für die Seefahrt ein neue Ära an: Die Reise beweist, dass der Klimawandel eine Route durch das nördliche Eismeer entlang der sibirischen Küste für Handelsschiffe geöffnet hat - wenn auch nur für kurze Zeit.
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OTTAWA. Durch die neue Route wird der Transit von Asien nach Europa deutlich verkürzt, wovon sich Reeder Kostenvorteile und Zeitgewinn versprechen. „Mit der Entladung von Fracht im abgelegenen Sibirien haben wir das Tor zu einem Seeweg geöffnet, der an Bedeutung gewinnt“, sagt Niels Stolberg, Präsident der Beluga Shipping GmbH in Bremen.

Auch Daniel Hosseus vom Verband Deutscher Reeder spricht von einem „Meilenstein für die arktische Schifffahrt“. Die Fahrt der Beluga-Schiffe wird das Interesse an den nördlichen Routen insgesamt steigern. Mit dem Klimawandel werden einst fast unpassierbare Passagen durch den Arktischen Ozean interessant. Auch dank der bereits im Vorjahr erschlossenen Nordwest-Passage (siehe Karte) wird das Eismeer im Norden Kanadas zunehmend zum Ziel von Kreuzfahrten.

Möglich ist dies durch das stärkere Abschmelzen der Eisfläche während des arktischen Sommers: In diesem Jahr ist sie auf 5,1 Mio. Quadratkilometer abgeschmolzen, den drittniedrigsten Stand seit 30 Jahren. Im März und damit am Ende des Winters ist die Eisfläche am größten und liegt bei etwa 15 Mio. Quadratkilometern. Im Sommer schmilzt sie deutlich ab. Ab Mitte September nimmt sie mit der herbstlichen Abkühlung wieder zu. Noch vor wenigen Jahren lag die Sommereisfläche bei sieben bis acht Mio. Quadratkilometern und versperrte beide Seewege. Im vergangenen Jahr waren erstmals Nordost- und Nordwestpassage offen.

Die von zwei russischen Kapitänen gesteuerten deutschen Schiffe waren von Wladiwostok aus entlang der Küste bis nach Novyy Port an der Mündung des Ob ins Eismeer gefahren, hatten dort Schwerfracht für den Bau eines Wasserkraftwerks in Sibirien abgeladen und befinden sich jetzt auf der Fahrt Richtung Norwegen. Für 2010 plant Beluga die nächsten Touren: „Verträge über die Verschiffung verschiedener Schwergutstücke mit Gewichten bis zu 1 000 Tonnen sind schon abgeschlossen“, sagt Reeder Stolberg. Er hat ausgerechnet, dass die Nordostpassage im Vergleich zur Suez-Route pro 12 000-Tonnen-Schiff etwa 300 000 Dollar günstiger ist, bei 20 000-Tonnern seien es bis zu 600 000 Dollar.

Die Suez-Rote von Südkorea, wo auch die Beluga-Schiffe ihre Fracht aufnahmen, bis nach Rotterdam ist rund 21 000 Kilometer lang, die Strecke durch die Nordost-Passage einschließlich des Abstechers bei Novyy Port am Ob-Delta 14 800 Kilometer. Der Seeweg zwischen Europa und Asien durch die Nordostpassage ist kürzer als durch die Nordwestpassage durch Nord-Kanada.

Allerdings herrscht in Europa oft eine falsche Vorstellung darüber, was „eisfreie Arktis“ bedeutet. Eisfrei wird die Arktis nur im Sommer für wenige Wochen sein. „Wir sprechen von einem Fenster von sechs bis acht Wochen“, sagt Stolberg. Schiffspassagen müssen von langer Hand für einen kurzen Zeitraum geplant werden. Dies bedeutet nicht nur die Einholung von Genehmigungen bei den Behörden, was bei der Kooperation mit Russland zeitaufwendig sein kann. Es erfordert auch eine qualifizierte Crew und das Chartern eines Eisbrechers, der die Schiffe begleitet. Daher wird die Container-Schifffahrt weiter überwiegend die Suez-Route nutzen. Sie wird als Linienschifffahrt betrieben, bei der zahlreiche Häfen angelaufen und Fracht nach einem genauen Fahrplan ent- und geladen wird. Dies trägt zur wirtschaftlichen Rentabilität bei. Am Eismeer gibt es nur wenige Häfen mit wenigen Zubringerstrecken. Daher wird die Nordostpassage für die Spezialschifffahrt im Schwergutverkehr wichtig.

Hinzu kommt die wachsende wirtschaftliche Bedeutung der Arktis: „Wenn die Rohstoffpreise wieder anziehen und Ölfelder, Erzminen und andere Mineralienvorkommen an Attraktivität gewinnen, ist es wichtig, dass Schiffe diese Orte anlaufen und Rohstoffe aufnehmen können. Hierfür werden Teile der Nordostpassage genutzt“, erläutert Hosseus vom Reederverband.

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