Emissionshandel
Theorie gut, Praxis schlecht

Im Lehrbuch ist der Emissionshandel eine schöne Sache: Mit den Mitteln des Marktes soll er helfen, den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren Soweit die Theorie. Doch in der Praxis hat der Handel mit Emissionszertifikaten die Bewährungsprobe noch nicht bestanden.

Große Hoffnungen ruhen nun auf der zweiten Handelsperiode, die im kommenden Jahr beginnt. Die erste Periode in Europas Emissionshandelssystem darf man getrost als gescheitert bezeichnen. Als die Behörden im Frühjahr 2006 Bilanz zogen, wurde klar, dass die Zertifikate zu großzügig verteilt worden waren: Knappheit war für viele zur Teilnahme am Handel verpflichteten Anlagenbetreiber ein Fremdwort. Der Preis für ein Zertifikat, das zum Ausstoß einer Tonne Kohlendioxid berechtigt, fiel ins Bodenlose. Da die meisten Energieversorger und Industriebetriebe über reichlich Zertifikate verfügen und sie im Bedarfsfall für kleines Geld zukaufen können, besteht kein Anreiz, den CO2-Ausstoß zu reduzieren.

Der Emissionshandel hat somit bisher nicht nur sein Ziel verfehlt, sondern auch zu politisch unerwünschten Nebeneffekten geführt. Denn obwohl die Energieerzeuger als wichtigste Handelsteilnehmer die Zertifikate wie alle anderen geschenkt bekamen, scheuten sie sich nicht, sie ihren Kunden zum Marktpreis mit auf die Rechnung zu setzen. Da die Zertifikate vor dem Zusammenbruch des Marktes auf dem Höhepunkt einer spekulativen Blase mit mehr als 30 Euro zu Buche schlugen, ging ein Geldregen auf die Stromerzeuger nieder.

Um in der nächsten Handelsperiode echte Anreize zur CO2-Einsparung zu geben, wurden weniger Zertifikate verteilt. Außerdem gibt es die Grundausstattung nicht mehr kostenlos, ein Teil der Berechtigungen wird versteigert. Viele Anlagenbetreiber werden mit ihren Zertifikaten nicht auskommen und zukaufen müssen. Das wirkt sich bereits auf die Preise aus. Emissionsberechtigungen für das kommende Jahr werden mit rund 20 Euro gehandelt. Anlagenbetreiber werden sich ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen müssen, ob es sich nicht vielleicht lohnt, Geld in Effizienzsteigerungen zu stecken oder die Produktion zurückzufahren.

Klimaschützer denken aber längst über die nächste Handelsperiode, Europas Grenzen und die Industrie hinaus. Sie hoffen, dass in den USA zumindest einzelne Bundesstaaten ein eigenes Handelssystem aufbauen, das sich dann mit dem der EU verknüpfen ließe. So würde die Marktliquidität erhöht, was dazu beitragen könnte, spekulative Hypes zu vermeiden. Zudem würden Wettbewerbsverzerrungen verringert, die die europäische Wirtschaft beklagt.

Nichts fördert Investitionen in klimaschonende Technologien stärker als ein steigender Preis für den Treibhausgasausstoß, sind Ökonomen überzeugt. Sie fordern deshalb, auch den Verkehrssektor in den Emissionshandel einzubeziehen. Für den Flugverkehr soll das schon in der nächsten Handelsperiode geschehen.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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