Energieeffiziente Stadt Das Revier baut auf das Öko-Image

Mit großen Plänen kündigte die chinesische Regierung vor fünf Jahren an, die erste klimaneutrale Stadt der Welt bauen zu wollen. Doch mittlerweile ist fraglich, ob das Projekt jemals umgesetzt wird. Nun wird das Ruhrgebiet wird zur Spielwiese für Stadtplaner: Der Kohlenpott plant die energieeffiziente Stadt der Zukunft.
  • Chris Löwer, Ingmar Höhmann
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Brüder, zur Sonne: Im Ruhrgebiet soll eine Niedrigenergie-Stadt entstehen. Quelle: ap

Brüder, zur Sonne: Im Ruhrgebiet soll eine Niedrigenergie-Stadt entstehen.

(Foto: ap)

BERLIN/KÖLN. Wenn Werner Sobek die europäische Stadt der Zukunft beschreibt, dann spielt die Umwelt immer eine wichtige Rolle. Es werde nicht nur mehr grüne Flächen und bessere Luft geben, sagt der renommierte Architekt. "Wir werden in 50 Jahren auch mehr Stille erleben, weil Elektro- oder Brennstoffzellenautos den Verbrennungsmotor ersetzt haben."

Was in Europa noch als Vision gilt, wollen zwei Pilotprojekte in Asien schon seit Jahren in die Realität umsetzen. Die Regierungen von Abu Dhabi und China haben komplette Städte auf dem Reißbrett geplant, die kein CO2 ausstoßen und über erneuerbare Energiequellen ihren Strom selbst produzieren sollen. Zunehmend wachsen aber die Zweifel, ob es die Organisatoren mit ihren vollmundigen Versprechungen auch ernst meinen.

Die "erste Ökostadt der Welt", so die Eigenwerbung, sollte das chinesische Dongtan werden. In dem 40 Kilometer von Schanghai entfernten Ort soll ein Fünftel der Energie aus Windkraft stammen, der Rest aus erneuerbaren Quellen wie der Sonne. Alle Hausdächer sollen deshalb mit Solarkollektoren ausgestattet werden. Autos, Bahnen und Boote werden mit Strom oder Wasserstoff angetrieben.

Schon 2005 hatte die chinesische Regierung den Plan für die 20 000-Einwohner-Siedlung verkündet, dieses Jahr hätten die ersten Bewohner ihre Häuser beziehen sollen. Doch bis heute ist in Dongtan praktisch nichts gebaut. Ob die Null-Emissions-Stadt je Wirklichkeit wird, ist fraglich.

Ins Hintertreffen geraten ist auch Masdar City in Abu Dhabi, das mit 22 Mrd. Dollar teuerste Vorhaben der Welt. Der Plan: Autos sind tabu, dafür entsteht ein unterirdisches Netz mit autonom fahrenden Elektroautos. "Wir wollen beweisen, dass der Lebensstandard nicht unter dem Einsatz sauberer Energietechnik leidet", sagte Projektleiter Sultan Ahmed Al Jaber. Daher wird es weiterhin Klimaanlagen geben - nur sollen Wind- und Photovoltaikkraftwerke den Strom liefern.

"Das ist eine geniale Spielwiese für nachhaltige städtebauliche Ideen, wovon auch Deutschland profitieren kann", sagt Peter Schossig vom Fraunhofer für Solare Energiesysteme-Institut ISE. Die Forscher entwickeln Techniken, damit Masdar wasser- und energieautark wird, etwa Meerwasserentsalzungsanlagen und solare Kraftwerke.

Ursprünglich sollte die Stadt 2016 stehen, nun gilt das Jahr 2020 als Ziel. Erst kürzlich kam es zu einem Baustopp - angeblich wegen finanzieller Schwierigkeiten. Ein neues Management soll das Projekt wieder vorantreiben. Doch Beobachter gehen davon aus, dass die Fertigstellung noch lange auf sich warten lassen wird.

Ausgerechnet das Ruhrgebiet könnte nun die Lücke füllen - das Revier plant seine eigene Ökostadt. Anders als die Araber will der Initiativkreis Ruhrgebiet jedoch keine neue City aus dem Boden stampfen. Stattdessen wollen die Initiatoren ab Oktober eine 50 000-Einwohner-Stadt oder einen Stadtteil zur Niedrigenergiestadt umbauen.

Die "Innovationcity Ruhr" soll ihren Energiebedarf bis zum Jahr 2020 um mehr als die Hälfte reduzieren - etwa durch Gebäudesanierung sowie Energie aus Bioerdgas, Erdwärme und Wind. Gleichzeitig sollen Elektrobusse und-fahrzeuge zum Alltag auf den Straßen werden.

Das Land Nordrhein-Westfalen beteiligt sich mit 500 000 Euro an der Gründung einer Projektgesellschaft. "Die Innovationcity Ruhr kann weltweit Modell werden für die Erneuerung von industriell geprägten Regionen", sagt Wirtschaftsministerin Christa Thoben. Im Herbst wird der Initiativkreis über den Standort des auf zehn Jahre angelegten Projekts entscheiden. Revierstädte können sich nun bewerben - bleibt zu hoffen, dass zumindest diese Vision nicht zur Fata Morgana wird.

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3 Kommentare zu "Energieeffiziente Stadt: Das Revier baut auf das Öko-Image"

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  • Es sitzen zu viele Nieten in Nadelstreifen in Vorständen und Politik, während Deutschland seine Technikelite an das Ausland verliert. Es wird mit viel blabla und blubberblubber eine innovation nach der anderen angekündigt, aber keine Ausführung geschafft. Die Nadelstreifenträger erkennen das Potential nicht und behandeln die Know-How-Träger in unserer Gesellschaft wie Leibeigene, die nichts wert sind. Diese Technikverachtung zeigen beispiele aus der Vergangenheit, wie die Geschichte um die MP3-Player. Deutschland schuf die Grundlagen, aber die Nadelstreifenträger waren zu primitiv das Potential dahinter zu erkennen. Das Geschäft machten die Asiaten und die Amerikaner. Vor diesem Hintergrund verliert Deutschland mit Recht seine ingenieure und Naturwissenschaftler ans Ausland. Die Ausbildungskosten für Deutschland, die Fachkräfte für das Ausland. in der Augen der Nieten in Nadelstreifen ein sehr gutes Geschäft.

  • Öko-image! Na toll! Frage? Wessen Geld soll denn jetzt wieder verbrannt werden?
    Als wenn die Politik in der Lage wäre etwas Wirtschaftliches und Sinnvolles zu planen! ideologische Projekte werden mit Steuergeldern unwirtschaftlich durchgeboxt!

  • Leider werden Deutschlands Unternehmen immer scheuer in "Massenproduktion" denken zu können. Nur Massenproduktion führt zu einer radikalen Senkung der Preise. Die "Hochlaufkurve" hat bei vielen Artikeln z.b. das E-Auto bereits begonnen ... nur eben nicht in Deutschland. Während z.b. der i-miev unter eigenen und fremden Namen verkauft wird, der eine schon fortschrittliche Technologiebasis bietet, betreiben deutsche Unternehmen Mini-Fahrzeugflotten als Unikate, die so nie gebaut werden. Was stört ist einfach die sehr schleppende Umsetzungsgeschwindigkeit in reale Produktionen. Nur aus realen Produktionen kann man sich weiterentwickeln, Linien erweitern, modernieren und Erkentnissgewinne bei sich und Zulieferern nutzen. Aber auch bei "klassischen" Produkten sind noch hohe Einsparpotentiale zu reduzieren. Der 2-Zylinder-Motor mit Turbolader hätte heute schon vorhanden sein können und nicht erst in einigen Jahren. Mild-Hybridansätze hätten heute schon bei den "klassischen" Ansätzen Einzug halten könnnen und nicht erst in einigen Jahren. Nicht "Forschung" ist das Problem, sondern die Effizienzfähigkeit einfach Dinge schneller umzusetzen. Hier laufen die Mechanismen träge und schlecht gemanagt.

    Wenn nach mehr Forschungsgeldern gerufen wird, bedeutet es erstmal nur, dass der bestehende Apparat "mehr budgets" erhält. Das war es auch schon. Die Kosten für Personal etc. werden durch Drittmittel entlastet. Es bedeutet aber noch lange nicht, dass verkaufsfähige Produkte hier herauspurzeln werden. Schon heute stellt sich ganz massiv die Frage, was kostet mich die Forschung und welche verkaufsfähigen Ergebnisse werden produziert. Vielleicht ist das Ergebnis erschreckend.

    M.E. braucht die Forschung nicht mehr Subventionen, da die ideologischen Forschungsmechanismen noch nicht im 21ten Jahrhundert angekommen sind. Die eigentliche Dynamik geht von der Produktionsverantwortung aus.

    Ob das Revier mit einem solchen Pilotstadt "erfolgreich" ist ... es kann wohl nur ein Visionsansatz sein. Auch hier wäre es effizienter, wenn das Ruhrgebiet, sich viel schneller als Ruhrstadt begreift und die verschuldeten Strukturen reformiert und Kräfte bündelt. Ein einfach so weitermachen in einem lokalen KleinKlein von Minigemeinden, Städtchen an Städtchen ... wird nichts Wirkliches bewirken. besser wäre es , die bestehenden Strukturen schneller umzubauen.

    Heute ist Deutschland noch eine starke Exportnation, aber immer weniger wird auf deutschem boden produziert.Das sollte zum Nachdenken anregen. Auch "junge" frühere Erfolgsbranchen, sind heute vielfach nur noch "Markennamen", die bewirtschaftet werden, aber nicht mehr mit eigenem Wissen gestaltet werden können.

    Gewinnen kann man nur mit technologischen Quantensprünge, die verkaufsfähig in die Produktion verankert werden. Diese Sichtweise ging irgendwie verloren. Wenn Controller nur das jetzt abstrippen und optimieren, mag man mit den heutigen Mitteln in diesem Jetzt-Abschnitt gut sein, ist es aber morgen mit Sicherheit nicht mehr, da man zulange in dem "Jetzt" verlieben war, wo andere schon in das "Morgen" investierten.

    Deutschland braucht keine "Einzelprojekte", um diese medienwirksam zu huldigen, sondern in der Masse tragfähige und ausbauungsfähige Strukturen. Auch Gesetze können es bessere Rahmenbedingungen hervorbringen; auch wird zuwenig getan, um mehr Arbeitsplätze in Deutschland zu verankern. Auch hier sind andere Nationen agiler: Sie unterbinden einfach steuerlich importe und sagen, dass man Autos im Lande montieren bzw. produzieren soll, um am Markt teilzunehmen können. Um diese Werke entstehen dann weitere industriecluster. Deutschland gibt dagegen industriecluster auf. Neues wächst nicht in der Geschwindigkeit nach, wie das alte wegbricht.

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