Energiegewinnung in Guatemala
Wo der Vulkan das Wasser treibt

Guatemala geht in Sachen Energiegewinnung neue Wege: Viele Kaffeebauern betreiben kleine Wasserkraftwerke und versorgen so ihre Maschinen und meistens auch die Wohnhäuser mit Strom. Nun sollen sie ins nationale Stromnetz eingebunden werden. Eine Handelsblatt-Reportage.

GUATEMALA. Mit großen Schritten stapft Carlos Torrebiarte einen Trampelpfad entlang. Die Luft flimmert in der Hitze, einige letzte Tropfen vom vergangenen Tropenregen fallen von grellgrünen Blättern am Wegesrand. Die niedrigen, weiß getünchten Gebäude, in denen der Kaffee getrocknet wird, hat er hinter sich gelassen, hier gleicht die Landschaft unberührtem Dschungel. Nur ein kleines Häuschen und ein 40 Zentimeter breiter Kanal stören die Natur. „Genau hier produziere ich meinen Strom. Ich brauche keinen künstlichen Staudamm. Das Wasser hat durch den Höhenunterschied zwischen dem Fluss und meinen Turbinen hier genug Kraft“, sagt Torrebiarte und klopft mit der flachen Hand auf die Betonmauer seines Kanals, der den Hügel hinunter zu den Turbinen führt. „Die Maschinen haben eine Kapazität von 220 Kilowatt pro Stunde.“

Fast alle Kaffeebauern in Guatemala haben solche Minikraftwerke. Sie versorgen so ihre Maschinen und meistens auch die Wohnhäuser auf den Finkas mit Strom. Torrebiartes Finka Santo Tomas Perdido liegt ideal, im Süden des Landes, eingebettet in eine Vulkanlandschaft. „Ich spare jedes Jahr mindestens 100 000 Euro und verbrauche dabei nur rund zehn Prozent der Energie, die ich hier produziere“, sagt Torrebiarte.

Den Rest lässt der Kaffeebauer einfach verpuffen. Und genau das soll sich nun ändern, geht es nach der guatemaltekischen Regierung. Denn die will die Kaffeebauern zur Stromherstellung motivieren, um die erneuerbaren Energien im Land zu stärken. Zurzeit kommen nur rund 35 Prozent des Gesamtbedarfs an Energie aus erneuerbaren Quellen. Die Kaffeebauern sollen mit ihren Mini-Wasserkraftwerken nachhelfen.

Der Klimawandel ist das Megathema der letzten Monate, die ganze Welt denkt über alternative Energiequellen nach. In Guatemala sitzen sie quasi an der Quelle. „Guatemala hat das größte Potenzial in Zentralamerika an Wasserkraft und Geothermik. Wir verdanken das den enormen Höhenunterschieden und den Vulkanen im Land. Bisher werden aber nur elf Prozent genutzt“, sagt Carlos Colom, Geschäftsführer des staatlichen Stromkonzerns Inde. Und genau das ist eines der größten Probleme des ärmsten Landes Zentralamerikas: „Das Energieproblem bremst unsere wirtschaftliche Entwicklung“, sagt Colom.

15 Prozent der Guatemalteken leben noch immer ohne Strom. Und für die anderen – also auch die Unternehmen – ist er teuer. Nirgendwo in Zentralamerika kostet Energie so viel wie in Guatemala. Die Preise sind im Durchschnitt mehr als doppelt so hoch wie in den USA. Und der Energiebedarf soll sich nach Berechnungen der guatemaltekischen Nationalbank in den kommenden 15 Jahren verdreifachen. „Wir sind völlig abhängig von den Öllieferungen aus den USA“, bedauert Carlos Colom und will das möglichst bald ändern – gemeinsam mit Bauern wie Carlos Torrebiarte.

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