Energiepolitik
Geheimnis unter dem Kanaldeckel

In Köln entsteht die größte Erdwärmesiedlung Deutschlands. Auf einer Größe von etwa viereinhalb Fußballfeldern entstehen hier Häuser und Wohnungen für bis zu 1 000 Menschen. Die ersten sind im Januar eingezogen, die letzten sollen Ende 2010 folgen. Hierfür hat der Bauherr 21 Löcher tief in die Erde gebohrt, aus denen Wasser hochgepumpt und in Energie umgewandelt wird.

KÖLN. Eigentlich sieht alles ganz normal aus. Hier mauern Bauarbeiter gerade am ersten Stockwerk, dort verlegen sie die Platten auf den Zufahrtswegen. Manche Häuser haben sogar schon ihren weiß-orangenen Anstrich bekommen. So sieht eine ganz normale Großbaustelle aus. Nur die dickeren Kanaldeckel verraten, dass hier etwas Besonderes entsteht. Darunter verbergen sich die Erdwärmebrunnen. Hier, in Köln-Niehl, baut die Wohnungsbaugesellschaft GAG die größte Erdwärmesiedlung in Deutschland.

Im Erneuerbare Energien Wärmegesetz, das zum 1. Januar in Kraft getreten ist, schreibt die Bundesregierung für die Nutzung alternativer Energiequellen bei der Wärmeerzeugung bis 2012 eine Förderung von bis zu 500 Mio. Euro pro Jahr fest. Geothermie ist hier eingeschlossen. Noch ist der Anteil der Erdwärme am Energiemix in Deutschland zwar verschwindend gering; doch sie wird immer beliebter. Die Technik soll Nutzer unabhängiger von Gas und Öl machen. Entsprechend hoch sind die Zuwachsraten in der Wärmepumpenbranche. 2008 haben mehr als 62 000 Haushalte Wärmepumpen-Heizungsanlagen installiert – ein Rekord. Insgesamt liegt die Zahl bei 300 000.

„Die Erde ist eine unerschöpfliche Energiequelle, mit der wir das Klima nicht belasten“, sagt denn auch Frank-Michael Baumann, Geschäftsführer der Energieagentur NRW. Mit Erdwärme können die Heiz- und Stromkosten erheblich reduziert werden – mindestens um die Hälfte, sagt die GAG. Ganz auf herkömmlichen Strom können die Nutzer nicht verzichten – er wird für den Betrieb der Wärmepumpe gebraucht. Doch beim Einsatz einer Kilowattstunde Strom werden im Kölner Projekt gut fünf Kilowattstunden Wärme gewonnen – eine vorbildliche Jahresarbeitszahl (JAZ), wie es im Fachjargon heißt. Im Marktanreizprogramm des Bundesumweltministeriums wird ein JAZ-Wert von 3,3 bis vier gefordert, damit Geothermie gefördert wird. „Die Mindest-JAZ-Zahlen sind recht anspruchsvoll gewählt. Da hat man eine recht gute Lösung gefunden“, sagt Jens Schuberth, Experte vom Bundesumweltamt.

Auch die höheren Anschaffungskosten von etwa 20 000 Euro sollen sich schon nach etwa zehn Jahren rentieren. Dennoch gilt: „Welche Energiequelle die beste ist, kommt immer auf die individuelle Situation an“, sagt Baumann. Nicht jede Gegend ist gleich gut für die Erdwärmetechnik geeignet. In Berlin etwa kann wegen der Grundwasserknappheit nicht in jeder Straße gegraben werden. Im südbadischen Staufen gab es nach Erdwärme-Bohrungen erhebliche Komplikationen: Kurz nachdem die Baufirma ihre Sonden hunderte Meter tief in den Grund unter dem Rathaus getrieben hatte, zeigten sich erste Risse in dem Gebäude. Mittlerweile sind hunderte Häuser davon betroffen; der Boden unter der Stadt verschiebt sich.

Mit der Siedlung im Kölner Norden ist dies jedoch nicht vergleichbar. „Hier geht es um Oberflächenerdwärme“, sagt Geschäftsführer Baumann. Bis zu 25 Meter tief musste die GAG nur bohren. Alles, was darüber hinaus geht, wäre schon allein für die Effizienz zu viel, so Baumann. Hinzu kommen noch ein paar andere Faktoren, die die Rentabilität von Erdwärme ausmachen. Die Geräte müssen genau auf das Gebäude abgestimmt sein; die Hydraulik muss abgeglichen werden; Fußbodenheizung ist empfehlenswert.

Bei dem Projekt der GAG hat offenbar alles gestimmt. Ein ganzer Häuserblock wird nun über einen Heizungskeller versorgt. „Wir überlegen uns immer, was man machen kann, um zukunftsfähig zu sein“, sagt Vorstand Günter Ott. Das Unternehmen will Vorreiter bei der Erschließung Erneuerbarer Energien sein. Im Kölner Stadtteil Ossendorf hat es eine Solarsiedlung modernisiert; in Braunsfeld eine Luftwärmepumpensiedlung.

Claudia Schumacher
Claudia Schumacher
Handelsblatt / Redakteur
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