Energietechnik
Mörderische Hitze

Deutschlands wichtigstes Stromland, Nordrhein-Westfalen, will diesen Status mit High-Tech-Kohlekraftwerken und neuen Technologien verteidigen: Derzeit überbieten sich die Ingenieure mit Innovationen, um Kraftwerke effizienter und somit sauberer zu machen. Doch neben Kohle und Gas finden auch Alternativen ihre Nische.
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Ingenieure brauchen Fantasie, sagt man. Wenn das stimmt, ist Wolfgang Benesch ein guter Ingenieur. Der Bereichsleiter Energietechnik des Essener Kraftwerkbetreibers Steag hat schon das Steinkohlekraftwerk der übernächsten Generation vor Augen, während das der nächsten Generation noch im Bau ist. „Der Dampf ist mit 700 Grad Celsius so heiß, dass die Rohrleitungen glühen", schwärmt er. Das sind fast 100 Grad mehr als im 750-Megawatt-Steinkohlekraftwerk, das die Steag encotec derzeit in Walsum bei Duisburg baut. Und dieses sei „das modernste Kraftwerk der Welt", sagt Benesch. Mit gut 45 Prozent Wirkungsgrad übertrifft es alle anderen Steinkohlekraftwerke rund um den Globus. Die mörderische Hitze in den Anlagen der dann folgenden Generation wird den Wirkungsgrad noch einmal deutlich verbessern. „Dann überspringen wir die 50-Prozent-Marke", ist sich der Ingenieur sicher.

Den Rekord von Walsum schaffen die Ingenieure mit relativ konventionellen Mitteln: Mit Rohren aus besonders hitzeresistentem Stahl, einem mit 180 Meter Höhe besonders effektiven Kühlturm, einem Energie sparenden Rauchgasreinigungsverfahren und besonders leistungsfähigen Dampfturbinen. Das verbessert den Wirkungsgrad um bis zu vier Prozentpunkte, verglichen mit den heute effektivsten Anlagen. Jahrzehntealte Kohlekraftwerke, vor allem in China und Indien, erreichen allenfalls 30 Prozent. „Wir müssen etwas fürs Klima tun", sagt Benesch. Neue Kraftwerke müssten so gebaut werden, dass ihre Emissionen die nächsten Generationen nicht übermäßig belasten, müssten „Enkel-verträglich" sein. Benesch würde es unter dem Gesichtspunkt Klima- und Umweltschutz nicht stören, wenn „die Chinesen nicht nur DVDs, sondern auch umweltverträgliche Kraftwerke kopierten".

Enkel-verträglich ist auch der jüngste RWE-Braunkohleblock in Bergheim-Niederaußem westlich von Köln. Mit einem Wirkungsgrad von 43 Prozent hält er den Weltrekord für Braunkohlekraftwerke. Im nahe gelegenen Neurath entstehen unterdessen zwei weitere Blöcke, die noch um ein bis zwei Prozentpunkte effektiver sind. Zudem werden in Nordrhein-Westfalen noch mehrere Erdgas-Kraftwerke errichtet, die deutlich umweltverträglicher sind als selbst die modernsten Kohlekraftwerke. Auf die will Benesch trotzdem nicht verzichten, weil die weltweiten Kohlevorräte ein Vielfaches länger reichen als das Gas.

Die nordrhein-westfälische Landesregierung setzt alles daran, das einst von Kohle und Schwerindustrie geprägte Land als deutsches Energiezentrum zu erhalten - fast 30 Prozent des deutschlandweit produzierten Stroms kommt aus NRW. So forciert sie nicht nur die Entwicklung von hoch effizienten Stein- und Braunkohlekraftwerken. Sie macht sich auch stark für alle Arten erneuerbarer Energien und für die Brennstoffzelle, für die eine umweltverträgliche Versorgung mit Wasserstoff sichergestellt werden muss.

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