Energietrend
Gemeinden erzeugen grünen Strom in Eigenregie

Bürger und Kommunen nehmen die Energiewende immer öfter selbst in die Hand. Energiegenossenschaften bauen Solaranlagen oder Fernwärmenetze, vor allem im Süden und Norden gibt es einen echten Gründungsboom.
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ErfurtErst vier Monate ist es her, dass Dietmar Brückmann und rund zwei Dutzend Mitstreiter entschieden, unter die Stromproduzenten zu gehen. In wenigen Tagen schon soll ihre erste Photovoltaikanlage auf dem Dach eines Verwaltungsgebäudes in Erfurt fertig sein und auf die Frühjahrssonne warten. „Der Gedanke ist: Ich will meinen Teil zur Energiewende beitragen“, erläutert Brückmann. Für ihn war von Anfang an klar: Das Bürgerprojekt sollte als Genossenschaft organisiert werden.

Damit liegt die Erfurter Initiative im Trend. 2010 entstanden in Deutschland nach einer Auswertung der Deutschen Zentral-Genossenschaftsbank (DZ Bank) 129 solche Zusammenschlüsse. 2011 waren es sogar 174. Zum Vergleich: Ende 2009 gab es laut DZ-Volkswirt Michael Stappel bundesweit 327 Energiegenossenschaften.

„Wir erleben seit etwa fünf Jahren eine Renaissance der Energiegenossenschaften“, sagt der Projektleiter der Agentur für Erneuerbare Energien, Nils Boenigk. Vor mehr als einem Jahrhundert hätten solche Zusammenschlüsse vor allem das Ziel verfolgt, ländliche Gebiete mit Strom zu versorgen. Heute stünden dagegen erneuerbare Energien im Mittelpunkt.

„Gerade bei kleinen Projekten bieten sich Genossenschaften an, weil sie sehr demokratisch organisiert sind“, erläutert Boenigk. Jeder Genosse hat eine Stimme. „Es ist relativ unkompliziert und jeder haftet nur mit seinen Einlagen.“ Die sind vergleichsweise gering. In Brückmanns Erster Erfurter Energiegenossenschaft besitzt jedes Mitglied maximal zehn Anteile à 500 Euro. 2006 wurden zudem die gesetzlichen Hürden für Neugründungen gelockert.

Doch das Bild sieht regional sehr unterschiedlich aus. Vor allem der Süden ist ein Vorreiter - in Baden-Württemberg boomen Energiegenossenschaften schon seit Jahren, auch Bayern kann viele Neugründungen vorweisen. „Dort hat die Organisationsform der Genossenschaft schon lange Tradition“, sagt Boenigk. Ein weiterer Schwerpunkt liegt laut Volkswirt Stappel in Niedersachsen.

Im Osten dagegen startet das Modell langsamer durch. Doch es gibt Bewegung: Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen lagen 2011 im Verhältnis der Neugründungen zur Bevölkerung über dem Bundesdurchschnitt. Teilweise spielten wohl auch schlicht klimatische Gründe eine Rolle, gibt Stappel zu bedenken. Im Süden scheine einfach öfter die Sonne.

Die Förderung erneuerbarer Energien macht die Genossenschaften auch finanziell attraktiv. „Meist kann man ab dem zweiten Jahr mit Gewinn rechnen“, sagt Benjamin Dannemann von der Agentur für erneuerbare Energien. Im Schnitt gebe es eine Rendite von etwa fünf Prozent.

Solaranlagen seien die häufigsten Projekte, die von Energiegenossenschaften umgesetzt würden, berichtet Boenigk. „Photovoltaik ist relativ einfach und in der Investitionssumme geringer als Windparks.“ Doch selbst für Windanlagen in Bürger-Regie gibt es Beispiele, so im südhessischen Seeheim-Jugenheim. Auch Bioenergieanlagen werden in Genossenschaften realisiert, zum Beispiel von Landwirten, die sich zusammentun.

So hat die Gemeinde Schlöben östlich von Jena 2009 eine Energiegenossenschaft gegründet, die ein Gas- und Wärmenetz aufbaut. In Zusammenarbeit mit der örtlichen Agrargenossenschaft entsteht eine Biogasanlage, zusätzlich wurden drei Blockheizkraftwerke gebaut. „Ich glaube, das ist ein Zukunftsmodell“, sagt Bürgermeister Hans-Peter Perschke (SPD).

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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