Explosiver Untergrund

Krater im Meeresboden vor Helgoland

Im Herbst 2015 verwandelte sich der Meeresboden vor Helgoland in eine Kraterlandschaft. Rund 300.000 Krater haben Geowissenschaftler hier mittlerweile gezählt. Wie konnte es zu dieser Häufung kommen?
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Im Umfeld der Insel sind in jüngerer Zeit zahllose Krater entstanden. Quelle: dpa
Helgoland

Im Umfeld der Insel sind in jüngerer Zeit zahllose Krater entstanden.

(Foto: dpa)

HeidelbergAm 18. April 1947 fand Helgolands große Sprengung statt: die Zerstörung von Bunkeranlagen durch die britische Armee, mit der die militärische Nutzung der Insel für alle Zeiten unmöglich gemacht werden sollte. Auch wenn die bis dahin größte nichtatomare Explosion durch Menschenhand glücklicherweise nicht, wie von den umgesiedelten Bewohnern befürchtet, das Eiland pulverisierte, so blieben dennoch viele Krater übrig, die noch heute teilweise erhalten sind.

Knapp 70 Jahre später entstanden im Umfeld der Insel erneut zahllose Krater – doch spielten dieses Mal Naturgewalten eine wichtige Rolle. Knut Krämer von der Universität Bremen und seine Kollegen stießen bei einer Untersuchung des Meeresbodens im Gebiet „Helgoland-Riff“ 45 Kilometer nordwestlich der Insel auf ausgedehnte Pockmarkfelder, wo sie eigentlich lediglich flachen Sandboden erwartet hatten.

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Extreme Inseln
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Sie sind traumhaft schön oder unwirtlich, sehr jung oder uralt - und manchmal sogar lebensgefährlich. Eine Reise zu einigen der extremsten Inseln der Erde.

Bouvet Island – die entlegenste Insel der Welt
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Wenn Sie eines Tages mal wirklich das Weite suchen wollen, wäre Bouvet Island genau das Richtige – zumindest, wenn Ihnen Seevögel und Robben als einzige Gesellschaft zusagen. Keine andere Insel ist weiter vom nächsten Stück Festland entfernt als dieses kleine Eiland, das zwar zu Norwegen gehört, aber im Südatlantik liegt. 1700 Kilometer sind es bis zum nächsten Kontinent, der Prinzessin-Astrid-Küste in der Antarktis. 2260 Kilometer müssen Sie zurücklegen, bis Sie zur nächsten Siedlung auf Tristan da Cunha gelangen. (Foto: Nasa)

Tristan da Cunha – die entlegenste Siedlung der Welt
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Nicht jede abgelegene Insel ist auch unbesiedelt, wie das britische Überseeterritorium Tristan da Cunha belegt. 2800 Kilometer sind es bis Südafrika, 3000 Kilometer bis nach Südamerika, dennoch lebten im September 2016 mehr als 260 Menschen im Örtchen Edinburgh of the Seven Seas.

Tristan da Cunha ist ein aktiver Schildvulkan, der durch einen so genannten Hotspot genährt wird – eine Magmablase in der Erdkruste. Sein Gipfel, der Queen Mary's Peak, ragt 2062 Meter über dem Meeresspiegel auf.

Madagaskar – die älteste Insel der Erde
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Eine der größten Inseln der Erde ist gleichzeitig auch die älteste. Seit 88 Millionen Jahren hat Madagaskar keinen Kontakt mehr mit einem Kontinent – damals spaltete sich die Insel von Indien ab, das seinerseits als ehemaliger Teil des riesigen Kontinents Gondwana nach Norden driftete. Die Geschichte der Menschen auf Madagaskar ist dagegen deutlich kürzer. Maximal seit 2500 Jahren siedeln sie hier.

Doch sie haben in dieser Zeit die Ökosysteme gravierend umgestaltet. Von den ursprünglichen Wäldern sind nur kleine Reste übrig geblieben, vor allem Brandrodung wirkt sich verheerend aus: Der frei gelegte Boden kann die Niederschläge nicht halten und wird ins Meer geschwemmt. Madagaskar gehört weltweit zu den Staaten, die am stärksten mit Erosion zu kämpfen haben.

Hunga Tonga-Hunga Ha'apai – die jüngste Insel der Erde
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Das genaue Gegenteil von Madagaskar ist eine noch unbenannte Insel in der Südsee mit dem zungenbrecherischen Arbeitsnamen Hunga Tonga-Hunga Ha'apai, die erst seit Januar 2015 über dem Meer aufragt. Im November und Dezember 2014 begann hier eine Serie von Eruptionen, bei der große Mengen Asche und Lava ausgestoßen wurden, bis der Gipfel des Vulkans über dem Wasser sichtbar wurde.

Hunga Tonga-Hunga Ha'apai besteht vor allem aus lockerem Gesteinsmaterial. Deswegen erwarten Geologen ohne weitere Ausbrüche ihren baldigen Untergang: Die Wellen nagen rasch an diesem Stück Land. (Foto: dpa)

Devon Island – riesig und unwirtlich
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Mit einer Fläche von 55.247 Quadratkilometern ist Devon Island im arktischen Teil Kanadas die größte dauerhaft unbesiedelte Insel der Erde. Angesichts der unwirtlichen Bedingungen ist das kein Wunder: Der Devon-Eisschild bedeckt ein Viertel der Insel, der Rest wird überwiegend von Permafrostböden eingenommen. Und die durchschnittliche Jahrestemperatur liegt bei minus 16 Grad Celsius.

Beliebt ist das Gebiet allerdings bei Marsforschern, denn die Wetterbedingungen ähneln jenen auf dem Roten Planeten. Auf der Flashline Mars Arctic Research Station leben regelmäßig Teams, die einen Aufenthalt auf unserem Nachbarplaneten simulieren sollen – als Vorbereitung für eine spätere Marsmission. (Foto: Nasa)

Flevopolder – die größte künstliche Insel
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Die größte von Menschenhand neu geschaffene Insel dürfte gegenwärtig in Europa liegen, genauer gesagt im niederländischen Ijsselmeer. Mit einer Fläche von knapp 1000 Quadratkilometern gehört das Flevoland gleichzeitig zu den umfassendsten Landgewinnungsmaßnahmen der Niederlande. Nur ein schmaler Kanal trennt die Insel vom angrenzenden Festland. Er blieb erhalten, damit das Grundwasser dort nicht zu stark sinkt. Geschützt wird die Region durch den 32 Kilometer langen Abschlussdeich, der das Ijsselmeer von der Nordsee trennt und Sturmfluten fernhalten soll. (Foto: Nasa)

Rund 300.000 Krater verteilen sich hier auf eine Fläche von 915 Quadratkilometern, wie die Wissenschaftler in Science Advances schreiben. Manche davon sind so groß wie Tennisplätze.

Bis Juli 2015 zeigten Kartierungen hier nur einen flachen Untergrund. Das änderte sich aber bis zum folgenden November. „Wir waren überrascht, als wir plötzlich eine Kraterlandschaft gesehen haben, wo sonst nur ebene Sandfläche war“, so Krämer.

Jeder Krater besteht aus einer leichten Vertiefung, neben der ein Hügel aus ausgeworfenem Sediment aufragt. Pro Quadratkilometer Meeresgrund zählten die Wissenschaftler bis zu 1200 solcher Oberflächenformen. Durch das Ereignis wurden rund sieben Millionen Kubikmeter Material bewegt, was für die Deutsche Bucht in dieser kurzen Zeit ein bislang ungekanntes Phänomen ist.

Wahrscheinlich verursachten zahlreiche Methangasausbrüche aus dem Untergrund die Krater. Entsprechende Nachmessungen zeigten später noch deutlich erhöhte Methangaskonzentrationen in der Nordsee rund um das Helgoländer Riff an. Zudem belege die typische Form der Krater und Hügelchen den dynamischen Austritt von Gasblasen, wie sie an anderen Stellen der Nordsee schon beobachtet wurden, so die Forscher.

„Die Menge des frei gewordenen Methans können wir nur schwer abschätzen“, sagt Krämer. „Wie sich das Gas vor dem Austreten im Untergrund verteilt hat, wissen wir nicht genau“ Selbst vorsichtig gerechnet kommen die Forscher aber auf eine Menge von rund 5000 Tonnen. Das entspricht etwa zwei Dritteln des bisher angenommenen jährlichen Ausstoßes der gesamten Nordsee.

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