Folgen des Klimawandels
Ich glaub’, ich steh’ im falschen Wald

Trockenheit, Stürme, extreme Niederschläge und einwandernde Schädlinge - die Folgen des Klimawandels machen den deutschen Wäldern zu schaffen. Um die Situation zu meistern, ist ein drastisches Umdenken vonnöten. Warum Deutschlands Wälder möglichst schnell umgebaut werden müssen.

EBRACH. Der Eichenprozessionsspinner will nur ein harmloser Schmetterling werden. Auf dem Weg dorthin, als Raupe, stellt er allerdings ein Risiko dar. In sonderbaren Prozessionen klettert er mit seinen Artgenossen an Laubbäumen empor. Dort nagen alle zusammen die Kronen kahl. Früher lernten in Deutschland hauptsächlich Studenten den Eichenprozessionsspinner kennen. Das Tier lag dann säuberlich präpariert hinter Glas. Denn der natürliche Lebensraum des Thaumetopoea processionea war auf die Wälder Südeuropas begrenzt. Doch weil es in Deutschland immer wärmer wird, fühlt sich Thaumetopoea processionea inzwischen auch hierzulande wohl. Eichenprozessionsspinner werden in Franken, im südlichen Hessen, im Saarland und in Nordrhein-Westfalen gesichtet. In Baden-Württemberg mussten sie schon vom Hubschrauber aus mit Pflanzenschutzmitteln bekämpft werden.

Der Eichenprozessionsspinner ist nur ein winziges Indiz für den gewaltigen Wandel, der sich in deutschen Wäldern vollzieht. Gemeinsam mit Trockenheit, Stürmen, extremen Niederschlägen und einer Vielzahl anderer einwandernder Schädlinge bedroht er den deutschen Wald. Die Forstwirtschaft ist heute mit Risiken konfrontiert, von denen sie vor wenigen Jahren nur wenig bis gar nichts ahnte. Jetzt muss sie sich möglichst rasch grundlegend umstellen, um die neue Situation zu meistern. "Der durch den Klimawandel erzwungene Waldumbau kann Dimensionen erreichen, die die historischen Herausforderungen deutscher Forstgeschichte noch übertreffen, sogar die Ödlandaufforstungen nach 1 800 und die Wiederaufforstung der Kriegskahlflächen nach 1945", sagt Georg Sperber.

Seit vielen Jahren mahnt der Forstwissenschaftler seine Zunft, die Wälder umzubauen. Der mittlerweile 75-Jährige galt lange als unbequem, heute findet er allmählich Gehör. Früh hat er die dramatisch wachsenden Risiken erkannt, die sich aus dem Klimawandel für die Forstwirtschaft ergeben. Relativ spät kommen Experten an den Schlussfolgerungen des Forstdirektors a. D. nicht mehr vorbei.

Die lassen sich etwa so zusammenfassen: Die deutsche Forstwirtschaft setzt noch immer auf die falschen Bäume und hat daher den Gefahren des Klimawandels nichts entgegenzusetzen. Sie muss sich rasch wandeln, wenn sie überleben will. Sie muss sich von der Fichte trennen und andere Baumarten in den Mittelpunkt rücken, etwa die Buche. Das alles kostet viel Zeit und sehr viel Geld, ist aber alternativlos, meint Sperber. "Alle Berechnungen werden durch die Realität überholt", sagt er. Er beobachtet den Wald seit Jahrzehnten. Und seine Beobachtungen werden inzwischen regelmäßig durch Studien bestätigt.

Sperber zählt zu den Klimazeugen, die für die Umweltschutzorganisation WWF auf das Problem Klimawandel aufmerksam machen. Die Klimazeugen wollen das Bewusstsein dafür schärfen, dass Klimawandel nicht nur ein akademisches, sehr fernes Thema ist, sondern den Alltag vieler Menschen längst erreicht hat. Und das gilt nicht nur für Länder wie Bangladesch, woimmer häufiger Fluten und Stürme Todesopfer fordern und Menschen obdachlos machen.

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