Forschung nach der Katastrophe

Fukushimas Kühe leben für die Wissenschaft

Nach der Atomkatastrophe von Fukushima mussten Bauern im verstrahlten Gebiet ihr Vieh töten. Aber längst nicht alle Züchter befolgten die Anordnung der Regierung. Jetzt haben die überlebenden Tiere eine Mission.
Die Tiere leben in einer Gegend mit einer Radioaktivität, die 15 Mal höher ist als die als sicher geltenden Werten. Quelle: AP
Kühe auf verstrahltem Gebiet

Die Tiere leben in einer Gegend mit einer Radioaktivität, die 15 Mal höher ist als die als sicher geltenden Werten.

(Foto: AP)

NamieIn einem verlassenen japanischen Dorf grasen Kühe auf einer saftigen Weide. Als sie in der Ferne das vertraute Geräusch eines Kleinlasters hören, beginnen sie sich zu versammeln. Sie kennen die Prozedur.

Ärzte und freiwillige Helfer in Schutzkleidung treiben die Kühe und Rinder in ein spezielles Gehege aus Aluminiumrohren. Jeweils fünf bis sechs Tiere auf einmal werden mit einem Seil festgebunden, damit sie sich nicht bewegen können und verletzt werden, wenn mit einer Nadel Blut aus ihrem Nacken entnommen wird.

Die Tiere leben nahe Fukushima, einer Gegend mit einer Radioaktivität, die 15 Mal höher ist als die als sicher geltenden Werten. Die Wissenschaftler untersuchen sie regelmäßig um herauszufinden, wie sich die Verstrahlung auf sie auswirkt.

Das Gebiet war einst ein Paradies für Landwirte. Mehr als 3500 Rinder und Kühe wurden hier neben anderem Vieh gehalten. Bis zum Jahr 2011: Nach der Atomkatastrophe im Kraftwerk Fukushima Daiichi im Zuge eines Erdbebens mit folgendem Tsunami ordnete die japanische Regierung an, den gesamten Tierbestand auf den Höfen in der verseuchten Zone zu töten.

Fukushima – fünf Jahre nach dem Inferno
Strahlung in Tomioka
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22 Impulse pro Minute (cpm) zeigt das Strahlenmessgerät in der japanischen Stadt Tomioka an – pro Minute treffen also 22 radioaktive Teilchen auf die Messeinheit des Geräts. Noch immer sind die Folgen der Atomkatastrophe in der Präfektur Fukushima zu spüren, auch in Tomioka. Die Stadt befindet sich innerhalb der 20 Kilometer breiten Sperrzone um das havarierte Atomkraftwerk, das 2011 nach einem Erdbeben von einem Tsunami getroffen wurde.

Verlassene Städte
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Die Einwohner von Tomioka wurden nach der Katastrophe, die die Region vor genau fünf Jahren erfasste, in die nahe gelegene Stadt Koriyama evakuiert. Noch immer haben die japanischen Behörden den Landstrich um Fukushima herum nicht für die endgültige Rückkehr der Einwohner freigegeben. Besucher können die verlassene Region aber inzwischen wieder für einen begrenzten Zeitraum betreten.

Ladenlokal in Tomioka
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Menschenleere Ladenlokale zeugen trotz offenbar vollen Warenbeständen vom Wegzug der Bewohner. Insgesamt kamen bei der Fukushima-Katastrophe vor fünf Jahren sieben Menschen in Tomioka ums Leben, zwölf weitere wurden noch Monate später vermisst.

Kaum Verkehr
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Die Ampeln, die in dieser Straße von Tamioka den Verkehr regeln sollten, scheinen heute überflüssig. Kaum ein Fahrzeug ist auf den Straßen zu sehen, die von zahlreichen Kabeln zur Stromversorgung überhangen sind.

Zerstörtes Haus
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Insgesamt waren 2011 rund 62.000 Menschen in einem Umkreis von 20 Kilometern um das havarierte Kraftwerk herum von der Evakuierung durch die Regierung betroffen. Heute können Besucher wieder bis auf 2,5 Kilometer an das AKW heranfahren.

Hoffnungsschimmer in Rikuzentakata
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Auch die Nachbarpräfektur Iwate wurde 2011 von dem Tsunami getroffen – mit am stärksten in der Stadt Rikuzentakata. Rund 80 Prozent des Stadtgebiets wurden damals überflutet, mehr als 5000 Haushalte waren davon betroffen. Heute allerdings gilt die Stadt als Hoffnungsschimmer.

Tsunami-Damm
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In einem Großprojekt stattet die Regierung die Küste der Stadt mit einem riesigen Tsunami-Schutzwall aus. Rund 12,5 Meter hoch soll er werden und so weitere Überflutungen verhindern. Eine Tsunami-Welle kann eine Größe von über 100 Metern haben – allerdings nur in sehr, sehr seltenen Fällen.

Aber einige Bauern weigerten sich, fütterten und versorgten ihre Tiere weiter. Die Züchter hängen an ihren Tieren, behandeln sie fast wie Kinder, geben ihnen Namen. Rund 200 Kühe und Rinder sind es jetzt noch, und sie haben eine Aufgabe: Sie leben für die Wissenschaft. Die Forschung erlaubt es den Bauern, ihre geliebten Tiere am Leben zu erhalten – in der Hoffnung, dass die Zucht in dieser Gegend eines Tages wieder sicher sein wird.

Die Forscher kommen alle drei Monate in das Gebiet in einem Umkreis von 20 Kilometern vom Unglückskraftwerk, um das Vieh zu untersuchen. Es ist die erste Studie über die Auswirkungen niedriger Langzeit-Verstrahlung auf große Säugetiere.

Die gutmütigen Viecher reagieren mit einem Muhen auf die unangenehme Prozedur, doch die Ärzte arbeiten schnell. Neben Blut beschaffen sie sich auch Urinproben und prüfen, ob es geschwollene Lymphknoten oder andere Auffälligkeiten gibt. Das Ganze dauert maximal fünf Minuten pro Tier.

Namie liegt elf Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt, wo es in drei Reaktoren zur Kernschmelze kam. Der Ort ist eine Geisterstadt, die auf Jahre hinaus unbewohnbar bleiben wird. Aber der 57-jährige Fumikazu Watanabe kommt jeden Tag, um 30 bis 40 Kühe und Rinder im Besitz von sieben Farmern zu füttern.

„Was macht das für einen Sinn, sie zu töten?“ fragt Watanabe in einem Stall, in dem einst nachts gesunde Kühe ihre Kälber versorgten. Der Boden draußen ist mit Knochen von verendeten Tieren übersäht. „Die Kühe für Forschungszwecke am Leben zu erhalten, gibt uns die Möglichkeit, unser Wissen an die nächste Generation weiterzugeben.“

Freiwillige Helfer nehmen die Proben
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