Fukushima
Leben mit der Strahlung

Zerrissen zwischen Angst und Lebensmut – in den Dörfern und Städten um das AKW Fukushima 1 hat ein neuer Alltag begonnen. Der Staat, dem viele Bürger misstrauen, spielt dabei keine Rolle.
  • 6

Minami-SomaKalter Wind pfeift über den kahlen Baseball-Platz sechs Kilometer nördlich der Sperrzone um die Atomruinen von Fukushima. Im Hintergrund räumen einige Rentner Trümmer des Tsunamis beiseite, der vor einem Jahr die Küste der Kleinstadt Minami-Soma verwüstet hat. Auf dem Platz trainieren Mittelschüler begeistert für die kommende Baseball-Saison: Rumpfbeugen, kurze Sprints, Bälle werfen. „Wir können sie ja nicht aus Angst vor Strahlung für immer im Haus festhalten, dann ersticken sie ja“, sagt ihr Coach Kiyokatsu Yasuda, im Hauptberuf Chef des Postamts Fukuta in der Stadt Soma.

Auch an der Grenze zur Evakuierungszone, die die Regierung in 20-Kilometer-Umkreis mit dem Zirkel um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima 1 geschlagen hat, herrscht Routine. Täglich passieren 300 bis 400 Autos den Checkpoint der Polizei. Arbeiter fahren zum Aufräumen in die Zone. Anwohner besuchen mit einer Sondergenehmigung die Gräber ihrer Ahnen. Und auf den Balkonen der Häuser trocknen die Menschen ihre Wäsche im Winterwind.

Minami-Soma ist eine Art Testlabor für eine neue Normalität, das Leben mit der Strahlung. Am 11. März 2011 verloren hier nicht nur tausende Familien ihre Häuser durch einen Riesen-Tsunami, den ein Beben der Stärke 9 auf der Richter-Skala ausgelöst hatte. Viele verloren am nächsten Tag durch den Atomunfall auch ihre Heimat.

Der Süden und Westen der Gemeinde liegen in der permanenten Evakuierungszone, das Zentrum hingegen in einem zehn Kilometer breiten Streifen, der im Mai 2011 geräumt wurde. Erst Ende September durften die Bewohner in den äußeren Ring zurückkehren. Ihre Reaktionen sind typisch für den Umgang mit der Strahlung.

Wer Angst vor der Radioaktivität hat, ist gar nicht wieder gekommen. Doch zwei Drittel der ehemals 70.000 Einwohner haben sich entschieden, bewusst mit dem Risiko zu leben. Und diese Menschen sind inzwischen im Schnelldurchlauf zu Strahlenschutzexperten geworden.

Das Rentnerehepaar Matsumoto zum Beispiel aus der Evakuierungszone. Sie sitzen sie im Gemeinschaftsraum einer der 27 Containersiedlungen Minami-Somas. Im Hintergrund walkt ein Massagesessel eine alte Frau durch. Kinder springen in den Raum, der einzigen Wärmeinsel der Siedlung. Nur hier bullert die Klimaanlage auf vollen Touren. Die schlecht gebauten Notunterkünfte lassen sich kaum heizen.

Kommentare zu " Fukushima: Leben mit der Strahlung"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Richtet sich der Satz mit „den Zipfelmützen hierzulande“ gegen

    - die Chinesen mit Ihren Windmühlen?
    - den Amerikanern mit ihren Gaskraftwerken?
    - den Finnen und Franzosen mit ihrer Termin und
    Kostenexplosion rund um Atomstrom
    - oder gegen den französischen Rechnungshof.

    Obwohl Sarkozy mit Zipfelmütze – auch denkbar.

  • Oh je, jetzt musten die armen Atom-Gegner ganze 25 Jahre warten, bis seit Tschernobyl wieder mal ein grösserer Industrieunfall passierte. 25 lange Jahre, in denen demonstriert, plakatiert, kritisiert und Angst geschürt wurde, während die AKW wie ein Fels in der Brandung riesige Mengen an preiswerter Energie geliefert haben, ohne Öl, Erdgas, Kohle und ohne Emissionen. Das muss die Öl-Konzerne richtig wütend gemacht haben. Doch jetzt, wo der langersehnte GAU da ist, wars wieder nichts, denn die zehntausend Toten gabs leider bei der "benachbarten" NATURkatstrophe in Japan, und 0 beim AKW. Zu dumm auch, die Wahrheit ist mal wieder nicht auf der Seite der AKW-Gegner. Da hilft nur täuschen und die Wahrheit verdrehen so gut es geht - bei den Zipfelmützen hierzulande hat das noch immer gewirkt.

  • Japan und die Welt sind mit viel Glück um eine sehr viel größere Atomkatastrophe drumherum gekommen. Wir erinnern uns, dass Tepco als verantwortliches Unternehmen das gesamte Personal aus der Atomanlage Fukushima Daiichi abziehen und die Rettungsarbeiten einstellen wollte, als der damalige Premierminister und studierte Physiker Naoto Kan in die Konzernzentrale der Tepco stürmte und einen Fortgang der Kühlung vom Betreiber verlangte. Somit blieben 50 Männer um das Schlimmste zu verhindern. In einer Untersuchung heißt es „Der Grund, warum dieser Unfall so groß und komplex wurde, war der fehlende Verantwortungssinn aufseiten von Tepco und der Regierung.“ Andere Untersuchungen werden zum Verhalten einer der führenden Industrienationen noch deutlicher.

    Wie geht der Ausbau der Atomkraft außerhalb von D voran?

    In China wurden 2011 18.000 MW Windenergie installiert. Bis 2015 100.000 MW Windenergie aber nur 44.000 MW Atomenergie. Außerdem boomt der Ausbau der Solarenergie. Begründung: Weil der Ausbau der erneuerbaren Energien viel schneller geht.

    USA stellt 18,5 Mrd. Dollar zur Verfügung, um den AKW-Neubau gegen die preiswerten Erdgas-Kraftwerke in Gang zu bekommen.

    Aktuelle Kosten des „Europäische Druckwasser-Reaktor“ (EPR) des französischen AKW-Herstellers Areva. Der Reaktor Olkiluoto 3, wird nicht 2009 sondern erst 2014 in Finnland fertig. Kosten statt 3 Mrd. 6 Mrd. €.

    Ähnlich sieht es auf der französischen EPR-Baustelle aus: Fertigstellung 2016 = 4 Jahre später. Kosten ebenfalls 6 Mrd.€. Laut französischen Rechnungshof wird die Kwh Strom hier 7 bis 9 Cent kosten. Strom aus Konventionelle Kraftwerke und Windstrom ist heute in F schon günstiger.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%