Gipfel in Cancún
In Lateinamerika ist der Klimawandel längst Realität

Der Weltklimagipfel in Cancún tritt in die entscheidende Phase. Die Folgen der Erderwärmung kosten Mexiko vier Prozent seiner Wirtschaftskraft. Insgesamt hat sich die Erde in diesem Jahr wohl so stark erwärmt wie nie zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen.
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CANCÚN. Selbst wenn der Weltklimagipfel zu keinen Ergebnissen führt, eine Erkenntnis werden die am Dienstag aus aller Welt anreisenden Minister mit nach Hause nehmen: Der Klimawandel ist in Lateinamerika längst Realität. Hurrikane, Überschwemmungen, unregelmäßige Regenzeit und Ernteausfälle nehmen dramatisch zu. Und kaum ein Land weltweit ist stärker betroffen als Mexiko: Dem Gipfelort Cancún droht beim Anstieg des Meeresspiegels der Untergang, 27 Prozent der Agrarfläche des ganzen Landes sind in Gefahr.

Insgesamt hat sich die Erde in diesem Jahr wohl so stark erwärmt wie nie zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen. Und dennoch sind die Erwartungen an den Weltklimagipfel sehr gedämpft. Bereits vor Beginn der heißen Verhandlungsphase macht sich Skepsis breit, dass die regelmäßigen Uno-Treffen in einer Endlosschleife verharren könnten.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) will sich daher nicht mit symbolischen Detailerfolgen zufrieden geben: „Wir brauchen ein Paket“, forderte er vor seiner Abreise nach Cancún. Vor einem Jahr war der Weltklimagipfel in Kopenhagen trotz Eingreifens der wichtigsten Staats- und Regierungschefs gescheitert.

Seitdem ist der Erfolgsdruck gewachsen, die Erfolgsaussichten allerdings nicht. Allein Gastgeberland Mexiko wird nach Berechnungen der Weltbank bis 2050 vier Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für die Kosten des Klimawandels aufwenden müssen. Dabei ist Lateinamerika nach Afrika die Region, die den geringsten Ausstoß an Treibhausgasen verursacht. Auf der anderen Seite leidet nach Angaben der Uno-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (CEPAL) keine Weltregion stärker unter den Klimaveränderungen. Die landwirtschaftliche Produktion, die Biodiversität und die Infrastruktur der Staaten seien in naher Zukunft gefährdet.

Wirbelstürme und Überschwemmungen würden fast fünf Millionen Menschen in Mitleidenschaft ziehen. Küstenstädte wie Cancún, Veracruz und Campeche seien durch den Anstieg des Meeresspiegels gefährdet. Nach Einschätzungen des Weltklimarates (IPCC) wird Mexiko bis zum Jahr 2050 zwischen 13 und 27 Prozent seiner landwirtschaftlichen Nutzfläche einbüßen. Die Lage zwischen den Ozeanen und die Klimabedingungen machen das Land besonders verwundbar. Präsident Felipe Calderón hat daher den Klimaschutz – etwas verspätet – zur Priorität erklärt. Das Schwellenland sieht sich nun in der Rolle des Mittlers zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern.

Laut IPCC führt der Treibhauseffekt langfristig in ganz Südamerika zu Ausfällen in der Agrarproduktion und Verlusten bei der Artenvielfalt. In Staaten wie Argentinien, Chile und Uruguay werde die Landwirtschaft immer stärker in Mitleidenschaft gezogen. Die klimatischen Veränderungen hätten zugleich gravierende Migrationsfolgen. Allein in Mexiko würden in den kommenden Jahren bis zu sieben Millionen Menschen ihre angestammten Regionen aus Mangel an Perspektiven verlassen.

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  • Kann dem Handelsblatt zur zustimmen was die zu erwartenden Konsequenzen für Mexiko angeht, insbesondere auch die zu erwartende Migration von mindestens 7 Mio. Menschen. Unklar bleibt, ob bei den 7 Mio. lediglich Klimaflüchtlinge oder auch solche berücksichtigt sind, die sowieso aus Perspektivlosigkeit abwandern müssen. Das liegt aber nicht nur am Klimawandel sondern insbesondere auch am ungebremsten bevölkerunswachstum. Die Kombination beider Effekte steigert die Konsequenzen enorm. Letztlich ist eine der Konseqenzen am Drogenkrieg zu beobachten und der Klimawandel steht erst am Anfang. Ob allerdings Präsident Calderon, nachdem er wohl endlich die brisanz des Themas erkannt hat, im eigenen Land etwas erreichen kann, wage ich zu bezweifeln. Dazu gehört nämlich auch ein bewusstseinswandel in der bevölkerung. Aktuell bevorzugen Mexikaner immer noch 6-8 Zylinder SUV's und Pickups um ihre Kids zu Schule und sonst überall hin zu chauffieren. Diese Fahrzeuge werden selbstverständlich morgens erst mal 1/2 Stunde bei laufendem Motor aufgewärmt. Ausserdem, alternative Energiequellen (Solar-, Wind- etc.) soll zwar erforscht werden, gesetzliche Grundlagen die deren Anwendung für den Verbraucher attraktiv machen würden - Fehlanzeige. Kurzum, anstatt den Klimawandel zu bremsen, geht es vornehmlich drum sich auf die Konsequenzen einzustellen, bzw. die bevölkerung darauf vorzubereiten, soweit das möglich ist.
    Lieber Herr Heinrich: Dass der Klimawandel kommt mit Folgen, die wir uns im Moment noch gar nicht vorstellen können, und darin sind sich die meisten Wissenschaftler einig, gibt es wohl kaum einen Zweifel. Mexiko muss hierfür nicht auf einem anderen Planeten sein, sondern lediglich in einer entsprechenden Klimazone, mit Flächen welche kaum über dem Meeresspiegel liegen. Also, ein bisschen Angst ist immer noch besser als den Kopf in den Sand zu stecken.

    Mit freundlichen Gruss
    Dr. bodo Weber, Ensenada, baja California, Mexiko

  • Dem Handelsblatt hätte ich etwas mehr Neutralität, Realismus zugetraut und nicht das allgemein "politisch korrekte" Nachgeplapper über "Klimaschutz" (welch ein Unsinn) und 2 °C maximaler Temperaturanstieg usw. Übrigens, liegt Südamerika auf einem anderen Planeten, der zuerst vom Klimawandel erwischt wird? Warum lässt das Handelsblatt die vielen Wissenschaftler, die völlig andere Erkenntnisse (nicht Meinungen) haben nicht auch mal zu Wort kommen? Wovor haben Sie Angst?

    Mit bestem Gruss
    Heinz Heinrichs, berlin

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