Gletscherschwund
Kühlung für das Alpen-Eis

In 20 Jahren werden vermutlich die Hälfte aller Alpen-Gletscher geschmolzen sein. Der Gletscherschwund betrifft nicht nur die Bergregionen, auch im Flachland werden die Folgen bemerkbar. Aufwendige Rettungsmaßnahmen sollen den Verlust der Eisströme verhindern.
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DÜSSELDORF. Andrea Fischer sieht dem Eis beim Schmelzen zu. Die Glaziologin von der Universität Innsbruck vermisst Österreichs Gletscher. Im Frühjahr und Herbst gräbt sie Schächte ins Eis, um nachzusehen, wie viel durch Schnee oben dazu gekommen und unten geschmolzen ist. "Im Moment ist die Massenbilanz stark negativ", sagt Fischer. "Wir haben ein bis zwei Meter Verlust über den gesamten Gletscher pro Jahr."

Um durchschnittlich elf Meter gingen die Gletscher seit den achtziger Jahren weltweit zurück. In zwei Jahrzehnten wird wahrscheinlich die Hälfte der 5000 Alpen-Gletscher zerronnen sein, darunter Deutschlands einziges Fleckchen Gebirgseis, der Zugspitzferner. Die Temperatur stieg im vergangenen Jahrhundert global gemittelt um ein halbes, in den Alpen um zwei Grad Celsius. Wenn die Regierungen in Kopenhagen um die Nachfolge für das Kyoto-Protokoll ringen, entscheiden sie also auch über die Zukunft der Gletscher.

Die Folgen des Gletschersterbens sagen Forscher schon jetzt voraus. "Im ersten Schritt wird es mehr Wasser geben", prophezeit Martin Funk von der ETH Zürich. "Das wird sich aber bald umkehren. Vor allem die südlichen Alpenregionen werden dann unter Wassermangel leiden." Gletscher sind wie ein gewaltiger Schwamm, der sich im Winter vollsaugt und im Sommer leckt. Im Winter wird das Wasser gefroren in den Höhen gehortet. Über den Sommer taut es und füllt die Flüsse in den Niederungen.

Der Gletscherschwund trifft auch die Industrie

Wird dieser Schwamm zerstört, prophezeit Hans-Joachim Fuchs von der Universität Mainz Auswirkungen auch im Flachland. Im Frühjahr werden sich Hochwasser häufen, wenn der Niederschlag die Berghänge ungebremst hinunter schießt. Im Sommer fehlt dann das Wasser. Die Rhône könne deshalb ab 2050 abschnittsweise trocken fallen. Auch der Rhein wird zur Hälfte von Gletschern gespeist, behauptet Fuchs. Wenn deren Wasser fehlt, sei die Schiffbarkeit gefährdet. Für Kraftwerke und Chemiefabriken könne das Kühlwasser knapp werden. "BASF wird Riesenprobleme bekommen", sagt Fuchs. Auch die Qualität des Trinkwassers, das aus Uferfiltrat gewonnen wird, könnte leiden.

Nicht alle Forscher malen ein so düsteres Bild. Michael Kuhn von der Universität Innsbruck errechnete, dass der Inn in der Stadt nur zu fünf Prozent vom Gebirgseis genährt wird. "Wenn die fehlen, würde das einem Bürger wahrscheinlich nicht auffallen", meint er.

Alle Folgen des Gletschersterbens können auch Spezialisten nicht überblicken. Das Verhalten der terrestrischen Systeme ist in Teilen unvorhersehbar. Im Grindelwald im Berner Oberland entstand in den vergangenen Jahren ein großer Gletschersee, der sich immer wieder schubartig teilentleerte. Es bestand die Gefahr, dass der gesamte See über die im Tal lebenden Menschen hereinbrechen könnte. Bei besonders hohem Wasserstand bereiteten sich die Bürger schon auf eine Evakuierung vor, die Autobahn wurde gesperrt. Vor wenigen Wochen wurde ein zwei Kilometer langer Stollen fertig gestellt, über den das Wasser nun langsam abfließen kann. Doch das künstliche Ventil ist keine Dauerlösung. Der See schwillt weiter an.

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  • Vielleicht sollte man bei der Rettung der Gletscher vorgehen wie bei der baugrundvereisung mittels flüssigen Stickstoff.

  • "Forscher" reißen sich darum, mit schrillen Klimaprognosen vor möglichst viele Kameras treten zu dürfen. Das Publikum staunt dann, und vergißt, daß angesichts der vielfältigen miteinander verzahnten aber noch gar nicht genau verstandenen Zyklen jeder, der Klima weissagen will, die Grenze zur Scharlatanerie überschritten hat.

    Angesichts der langen Schlangen orakelbeflissener "Klimaforscher" kommen die zu kurz, die keine apokalyptische Zukunftsschau anzubieten haben, sondern nur saubere Physik. Diese Wissenschaftler sagen nämlich, daß es einen CO2-Einfluß auf das Klima gar nicht gibt. Der Grund ist simpel, und leicht verständlich. Würde sich nämlich die Temperatur der Erde erhöhen, dann würde - ähnlich wie bei einem Ofen oder einem Gartengrill - die Abstrahlung der Erde ins Weltall steigen. Abstrahlung ins Weltall ist aber nichts anderes als Kühlung. Um nun auch im Falle einer fiktiven Erwärmung eine ausgeglichene Energiebilanz aufrechtzuerhalten, muß jede Ursache, die "Erderwärmung" bewirken soll, folglich der Erde mehr Heizenergie zuführen. Das aber kann CO2 nicht. Damit ist jede CO2-Erderwärmung AUSGESCHLOSSEN!

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