Handelsblatt exklusiv
Experten über Stromnetz-Bedarf uneins

Wie viele neue Übertragungsleitungen für den Ausbau der Stromnetze erforderlich sind, ist umstritten. Das Wirtschaftsministerium geht von 500 Kilometern aus, die Dena hält 3.600 Kilometer für nötig.
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Berlin.Eine Studie des Beratungsunternehmens Consentec, angefertigt im Auftrag des Wirtschaftsministeriums, kommt zu dem Ergebnis, dass 500 Kilometer neuer Leitungen ausreichen. Die Deutsche Energie-Agentur (Dena) dagegen hält bis zu 3.600 Kilometer neuer Übertragungsleitungen für erforderlich. Aus Sicht von Fachleuten sind die Zahlen der Dena zu hoch gegriffen.

Die Dena-Studie gehe „von extremen Annahmen aus“, sagte Christian von Hirschhausen, Experte für Infrastrukturpolitik an der TU Berlin, dem Handelsblatt. Zudem würden die Vorteile bestimmter neuer Techniken, zum Beispiel der Einsatz der besonders leistungsfähigen Hochtemperaturseile, von der Dena nicht gebührend berücksichtigt. Insgesamt werde die Frage des Netzausbaus überbewertet. „Das Thema wird instrumentalisiert, um den Ausbau der erneuerbaren Energien möglichst schwierig erscheinen zu lassen“, sagt Hirschhausen.

Die neuen Leitungen werden erforderlich, weil sich mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien Stromerzeugung und Stromverbrauch räumlich immer weiter auseinander entwickeln. Künftig wird der Windstrom aus den norddeutschen Küstenregionen tragender Teil der Energieversorgung werden. Die Verbrauchszentren liegen jedoch im Westen und Südwesten des Republik. Der Strom muss quer durchs Land transportiert werden. Dass das Netz in seinem jetzigen Zustand sehr bald an seine Grenzen stößt, ist unbestritten. Schon heute kann der Windstrom nicht mehr jederzeit komplett eingespeist werden.

Aus Sicht von Hirschhausen ist es illusorisch davon auszugehen, dass dass Netz so ausbaugebaut werden kann, dass stets alle Windstrommengen aufgenommen werden können. "Wir werden uns an den Gedanken gewöhnen müssen, dass es Zeiten gibt, in denen der Windstrom nicht komplett ins Netz geht“, sagt er. Der Bundesverband Windenergie (BWE) sieht die Probleme im übrigen nicht in erster Linie bei den Übertragungsnetzen, also den „Stromautobahnen“, sondern auf der Ebene der Verteilernetze. „Fast alle Abschaltungen von Windenergieanlagen sind auf Überlastungen auf Verteilernetzebene zurückzuführen“, sagte BWE-Präsident Hermann Albers. Die Branche prüft, in den Netzausbau einzusteigen.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent

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  • "Die Branche prüft, in den Netzausbau einzusteigen."

    Ja, aber nur, wenn der Steuerzahler möglichst alles bezahlt.
    Das ist damit gemeint. Die Branche ist doch nur daran interessiert, ihre gesetzlich garantierten Einspeisevergütungen soweit wie möglich auszureizen. Was interessiert die Herrschaften der Markt? Es wird zu einem garantierten Preis eingespeist und basta.
    Und der werte Experte Wanderprofessor, von Hause aus Volkswirtschaftler (d.h. einer der großen Dünnbrettbohrer mit guten Kontakten) schlägt dazu noch viel Schaum.

  • Es müssen überhaupt keine neuen Leitungen verlegt werden, sondern vorhandene Leitungen durch Bessere ersetzt werden.
    http://idw-online.de/pages/de/news418752

  • Vielleicht nicht einfacher - aber naheliegender - ist die Einführung regionaler Strompreise. Energieintensive Betriebe wären damit eingeladen, sich langfristig im (Energie-)Überschußgebiet Norddeutschland anzusiedeln.
    Dies würde sich mit Sicherheit positiv auf den Strukturausgleich (Länderfinanzausgleich) auswirken.

    Kommt die Energie nicht zu mir, geh' ich zu ihr.

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