Hochwasserschutz

Mit Sand dem Klimawandel trotzen

Der Klimawandel bedroht die Niederlande. 40 Prozent des Landes liegen unter dem Meeresspiegel. Deiche aber reichen als Schutz nicht mehr aus. Deshalb vollziehen die Niederländer eine radikale Wende.
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Herbststurm an der niederländischen Küste. Statt Hochwasserschutz mit immer höheren Deichen setzt das Land im Kampf gegen den Klimawandel auf eine neue Strategie. Quelle: dpa

Herbststurm an der niederländischen Küste. Statt Hochwasserschutz mit immer höheren Deichen setzt das Land im Kampf gegen den Klimawandel auf eine neue Strategie.

(Foto: dpa)

AmsterdamTräge liegen die Seehunde auf dem Sand, räkeln sich in der fahlen Herbstsonne. Normalerweise tummeln sich die Robben auf einer Sandplatte nahe der Wattenmeerinsel Terschelling. Doch nun haben sie ganz überraschend auf ihrem Weg gen Norden bereits an der westlichen Küste der Niederlande einen idealen Ruheplatz gefunden. Wie aus dem Nichts ist er entstanden: ein breiter Strand.

Auch Spaziergänger reiben sich verblüfft die Augen. Dort, wo noch vor einigen Wochen das graue Wasser gegen den Deich schwappte, erstreckt sich nun ein 200 Meter breiter gelber Sandstrand, dahinter erheben sich sanfte Dünen.

Schiffe spritzen in großem Bogen Sand ins Wasser, riesige Bulldozer schieben Sandberge vor sich her und walzen sie platt. An der nordwestlichen Spitze des Festlandes, zwischen den Dörfern Egmond und Petten, geht es nicht etwa um ein Mega-Tourismusprojekt. Hier wird ein Schutzwall gegen die zunehmenden Wassermassen errichtet – erzwungen durch den Klimawandel.

Manhattans grüner Sturmschutzwall
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Wo nach dem Orkan 2012 Wassermassen durch die Straßen flossen, soll künftig im Ernstfall alles trocken bleiben. Der Spatenstich für die erste Meile von "The Big U" ist für 2017 angekündigt.

Bilder: BIG

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Durch die steigende Erderwärmung nahmen die Orkane im Nordosten der USA in den vergangenen Jahrzehnten stetig zu. Die tropischen Stürme erreichen stellenweise eine Windgeschwindigkeit von über 180 km/h. Sturm Sandy raste Ende Oktober 2012 mit 150km/h auf New York zu und richtete auf der Insel und den angrenzenden Stadtteilen wie Staten Island und in Brooklyn verheerende Schäden an.

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Die Insel Manhattan war dem Wirbelsturm gnadenlos ausgeliefert: Wind und Wasser peitschten stundenlang durch die Straßen, gut 50 Prozent der Stadt waren akut gefährdet. Der damalige Bürgermeister Michael Bloomberg ordnete die Evakuierung von 375.000 Bewohnern in besonders kritischen Gegenden in Manhattan und Brooklyn an. Auch auf Long Island verließen die Menschen ihre Häuser. Das Leben der Millionenstadt stand nach Sandy fast still. In vielen Teilen der Stadt fiel tagelang der Strom aus, Wohnungen standen unter Wasser.

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Mit dem Wind kamen die Fluten: Sandy wirbelte durch New York und hinterließ allein im Stadtgebiet einen Schaden von über 20 Milliarden Dollar. Wassermassen drängten sich durch Lower Manhattan, Autos schwammen auf den Straßen, U-Bahnen und Fähren standen still. Die Aufräumarbeiten zogen sich über Wochen hinweg.

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Um die Wiederholung einer ähnlichen Katastrophe zu vermeiden, soll in den nächsten Jahren eine Schutzmauer um Manhattan gebaut werden. Ein acht Meilen (13 Kilometer) langes Flutschutz-System legt sich dann den Plänen von BIG nach als Puffer um die Insel. Die Regierung hatte knapp 60 Milliarden Dollar bereit gestellt – zum Wiederaufbau, aber auch zur Prävention.

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Den BIG-Plänen nach wird mit "The Big U" nicht nur ein Schutz sondern auch zusätzlicher Lebensraum für New York geschaffen. Das Projekt integriert Parkanlagen, Aussichtsplattformen, Wiesen und Sportplätze. Als Vorbild orientierte sich das Team an der Highline, der zum Park umgebauten stillgelegten Hochbahnstrecke im Westen Manhattans.

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Im Fall eines erneuten Wirbelsturmes sollen die heranpeitschenden Wassermassen von der drei bis 5 Meter hohen Wand abgehalten werden. Lower Manhattan würde so einer erneuten Überflutung entgehen, die Konsequenzen eines Sturmes sollen durch "The Big U" auf ein Minimum reduziert werden.

„Die Niederlande müssen sich vorbereiten“, sagt Roeland Hillen, Direktor des Flutprogramms im Ministerium für Wasserwirtschaft. „Wir haben keine Wahl, sonst kriegen wir nasse Füße.“ Es klingt so locker, doch für die Niederländer ist es eine Frage von Leben und Tod. Gut 40 Prozent des Landes liegen unterhalb des Meeresspiegels. Die Wassermassen bedrohen das gesamte Ballungsgebiet im Westen um Amsterdam.

Der Klimawandel zwingt zum Umdenken

Nach den Prognosen der Klimaforscher wird der Spiegel der Nordsee in den nächsten einhundert Jahren um ein bis vier Meter steigen. „Es wird auch mehr Superstürme geben“, sagt Direktor Hillen. Die bisherigen Schutzmaßnahmen an der nordholländischen Küste reichen da nicht mehr aus.

Eine der Schwachstellen ist der über 500 Jahre alte Deich bei Petten, die Hondsbossche und Pettemer Zeewering. Im 15. Jahrhundert wurde der Deich gebaut, nachdem das Dorf bei einer Sturmflut 1421 überflutet worden war. Doch immer wieder war die See stärker. Dünen wurden weggespült, Dörfer überschwemmt und regelrecht weggerissen von der See.

Seit gut 140 Jahren galt dieser mit dickem schwarzem Basalt bedeckte massive Verteidigungswall von zwölf Metern nun als sicher. Bis jetzt. Wegen des Klimawandels müsste er um vier Meter erhöht werden.

Doch genau das geschieht nicht. Der Klimawandel zwingt die Niederländer zum Umdenken. „Nur noch Deiche bauen oder erhöhen, reicht nicht mehr“, sagt Luc Kohsiek, der Deichgraf der nordholländischen Küstenregion. Wird ein Deich höher, muss er an der Basis auch breiter werden. Die Folge: Kostbares Hinterland geht verloren. „Außerdem hört es ja nicht auf“, sagt der Deichgraf, „durch den Klimawandel steigt das Wasser immer weiter.“

Statt gegen die Naturkräfte zu kämpfen, werden sie genutzt. Die Niederländer bauen Dünen und Strand statt Deiche. Der natürliche Schutzwall bricht die Kraft der Wassermassen schon weit vor der Küste. Das ist nicht nur nachhaltiger, wie der Deichgraf sagt. „Es ist auch billiger.“ Außerdem bringt der Schutzwall etwas ein. Denn als Nebeneffekt entsteht auch noch ein neues Touristenparadies.

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5 Kommentare zu "Hochwasserschutz: Mit Sand dem Klimawandel trotzen"

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  • Sie scheinen den Artikel nicht verstanden zu haben: die Niederländer führen diese Massnahmen durch WEIL sie sich der Auswirkungen der Klimaänderung bewusst sind.

  • Ja, Umsiedeln ist nicht schön. Niemand verläßt einfach mal so seine Heimat, dessen bin ich sehr bewusst.
    Wir glauben und hoffen alle, dass wir mit technischen Massnahmen die Natur im Zaum halten können.

  • Hallo Herr Jung,

    prinzipiell haben Sie recht damit, dass es kostengünstiger wäre, die Menschen in den betroffenen Gebieten umzusiedeln. Aber wer will die Entscheidung treffen und sagen: Ihr müsst hier weg?

    In den Niederlanden hat man sich vor Jahrzehnten ganz bewusst dafür entschieden, große Teile der ehemaligen Zuiderzee einzudeichen, trocken zu legen und landwirtschaftlich zu nutzen. Leylstad oder Emmeloord sind Städte, die deutlich unter dem Meeresspiegel angelegt wurden. Man geht davon aus, dass man auch den zukünftigen Meeresspiegelanstieg technisch bewältigen kann. Darum werden aktuell Deiche erhöht und neue Hochwasserentlastungsanlagen gebaut.

    Auch in Deutschland wappnet man sich für den weiteren Meeresspiegelanstieg. Ich kenne kein Projekt in Küstenbereichen, welches nicht einen weiteren Meeresspiegelanstieg berücksichtigt. Auch Brücken über Flüsse im Binnenland werden für höhere Überschwemmungen ausgelegt. Etwas anderes wäre ja völlig abwegig. Der Meeresspiegel steigt immer schneller an und wir sollen so tun, als wäre nichts?? Keine Sorge; so dämlich sind wir nicht. In unseren aktuellen Baumaßnahmen ist der vermutete Meeresspiegelanstieg zumindest bis zum Ende des Jahrhunderts "eingepreist".

    Zu Thema Umsiedelung noch ein Beispiel: Ca. 1/3 des Ruhrgebiets wäre überschwemmt, wenn dort nicht ständig der Grundwasserspiegel abgesenkt würde. Der Aufwand dafür, sogenannte Ewigkeitskosten, wird im Laufe der Zeit mit 100% Sicherheit den finanziellen Aufwand übersteigen, den eine Umsiedlung der dort lebenden Menschen kosten würde. Auf die Idee, wirklich die Umsiedlung von vielleicht 1 oder 2 Millionen Menschen zu starten, ist bisher ernsthaft noch niemand gekommen.

  • Die Niederländer wären ganz schön blöde, wenn diese auf das Geschwätz und Profitgier der Jenigen vom menschengemachten CO2-Klimawandelzikus hören würden.
    Der Meeresspiegel wird sich weiter so kleinlich entwickeln, wie es schon immer war. Und wenn in Zukunft die Sonne ihre Aktivität zurückführt, dann werden wir froh sein um jedes Grad Wärme die uns gegen die Abkühlung hilft.

  • "Der Klimawandel zwingt zum Umdenken"

    Bislang scheint dieses Umdenken aber noch nicht begonnen zu haben. Eine weitere, langfristig bessere und günstiger Lösung (günstig sowohl aus ökonomischer wie auch ökologischer Sicht) wäre die Aufgabe der Gebiete die unter dem Meeresspiegel liegen und Umsiedlung der betroffenen Menschen.
    Wohin? Nun, es gibt in der EU genug Landstriche die immer mehr verwaisen. Ja, diese Landstiche gehören anderen Nationen (auch in D gibt es genug Brachland) aber der Klimawandel schert sich nicht um kleinkariertes nationalistisches Denken. eine Aufnahme diese EU-internen Klimaflüchtlinge wäre ein Zeichen der Solidarität mit unseren EU-Nachbarn.

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