Im Gespräch: Klimaforscher Malte Meinshausen
„Wir können den Klimawandel in Schranken halten"

Malte Meinshausen leitet die Forschungsgruppe „Primap“ am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. Der Klimaforscher gilt als Experte in Fragen der Emissions-Reduzierung. Im Handelsblatt-Interview spricht er über Chancen und Grenzen der G8-Klimapolitik - und darüber, ob der Klimawandel überhaupt noch aufzuhalten ist.
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Wie schätzen Sie die G8-Einigung zum Klimaschutz ein?

Soweit wie möglich unter einer Erwärmung von zwei Grad zu bleiben, und damit die schlimmsten der möglichen Klimawandelfolgen abzuwenden, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Dass sich die G8 Staaten nun offiziell darauf geeinigt haben, ist jedoch ganz klar zu begrüßen. Nur hätte man sich erhoffen können, dass die Regierungschefs noch ein bisschen konkreter werden in Hinsicht der globalen und ihrer eigenen Ziele, bis wann und wie weit die Treibhausgasemissionen reduziert werden sollen.

Zum Beispiel: Um das 2-Grad-Ziel zu erreichen, müssen die globalen Emissionen bis 2015, allerspätestens bis 2020 wieder die Talfahrt antreten. G8 sagt nur „sobald als möglich“. Das ist zu vage. Wenn die globalen Emissionen über 2015, 2020 hinaus noch weiter steigen, dann würden wir den zukünftigen Generationen gewaltige Kraftanstrengungen aufbürden. Sie müssten dann in sehr kurzer Zeit die Energieversorgung radikal umzustellen. Es ist ein bisschen wie bei einem Landeanflug: Wenn wir nicht schon heute geradlinig auf die Null-Emissions-Gesellschaft zusteuern, dann bleibt uns am Schluss nur eine steile Crashlandung. Andernfalls schießen wir über die Landebahn hinaus – und landen jenseits der 2 Grad Grenze.

Was bedeutet die Einigung konkret für die Klimapolitik der Industrienationen?

Hier genau hätte man sich etwas mehr Details von der G8-Erklärung erhofft. Wir müssen uns sowohl in Industrieländern als auch in weltweit bis Ende des Jahrhunderts auf eine Null-Emissionsgesellschaft einstellen, wenn wir das 2-Grad-Ziel erreichen wollen. Die Emissionen in den Industrieländern müssten bis 2050 um mehr als 80 Prozent sinken, eher in Richtung 90 Prozent.

Konkret heißt dies, dass wir uns zum Beispiel nicht mehr erlauben sollten, neue Kohlekraftwerke in die Landschaft zu setzen, da diese es uns für mehrere Jahrzehnte sehr schwer machen werden, die Emissionen zu reduzieren. Auf jeden Fall nicht, bevor nicht jedes Kohlekraftwerk auch emissionsfrei arbeiten kann, und diese Technologieoption ist momentan ja noch Zukunftsmusik. An einem massiven Ausbau erneuerbarer Energien führt wohl kein Weg vorbei, und wie wir in Deutschland anhand der Windkraft sehen, schafft dies ja auch gehörig Arbeitsplätze.

Reichen die jetzt ins Auge gefassten Ziele aus, um den vom Menschen verursachten Klimawandel aufzuhalten?

Die Meilensteine von global mindestens halbierten Emissionen bis 2050 sind ein erster Schritt in die richtige Richtung - aber nicht ausreichend. Auch blieb die G8 Runde hier zu vage, denn es fehlt die eindeutige Festlegung, dass Emissionen gemessen am Niveau von 1990 halbiert werden sollen. Auch mit halbierten Emissionen hätten wir noch ein beträchtliches Risiko, die 2-Grad-Grenze zu überschreiten.

Zudem fordern ja zum Beispiel auch die kleinen Inselstaaten, die natürlich nicht unter den mächtigen G8 vertreten sind, ein 1,5-Grad-Ziel. Die Existenz vieler Inselstaaten ist bei einer Erwärmung von zwei Grad schon in Frage gestellt, denn langfristig wird der Meerespiegel auch bei einer 2-Grad-Erwärmung mehr ansteigen, als viele flache Inseln im Pazifik vertragen können.

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