Internationale Studie
Artensterben kostet Billionen

Ökonomen und Naturwissenschaftler haben erstmals in einer breit angelegten Studie versucht, die wirtschaftlichen Folgen des Artensterbens zu beziffern. Ein fortschreitender Verlust der biologischen Vielfalt würde demnach Ökosysteme aus dem Gleichgewicht bringen und der Weltwirtschaft große Schäden in Milliardenhöhe zufügen.

BERLIN. So heißt es in einem Bericht zur ökonomischen Bewertung der Naturressourcen, der Ende Mai bei der Uno-Naturschutzkonferenz in Bonn vorgestellt werden soll. Nach dem so genannten Stern-Report, der die Kosten des Klimawandels veranschlagt hatte, wollen die Forscher damit auch die wirtschaftliche Bedeutung des Artenschutzes in den Fokus rücken.

Nach den von der EU-Kommission und der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Berechnungen produziert die Umwelt allein in den Naturschutzgebieten des Festlandes für die menschliche Gesellschaft weltweit Leistungen mit einem wirtschaftlichen Wert von fünf Billionen Dollar pro Jahr. Das sind etwa zwei Billionen Dollar mehr als die Auto-, Stahl- und Softwareindustrie der Welt zusammen umsetzen. Die Wissenschaftler haben berechnet, welchen wirtschaftlichen Beitrag die Naturschutzgebiete zur Trinkwasser- und Luftaufbereitung oder beim Schutz vor Überschwemmung oder Erosion leisten. Voraussetzung dafür ist die Artenvielfalt, ohne die komplexe Ökosysteme nicht funktionieren. Mit dem Verlust bestimmter Arten können die Ökosysteme komplexe Leistungen nicht mehr erbringen, die dann mit hohem finanziellen Aufwand künstlich erzeugt werden müssten.

Auch am Beispiel der Pharmabranche lässt sich die Bedeutung der Artenvielfalt veranschaulichen: Fast die Hälfte aller zugelassenen Arzneien in Deutschland stammt aus Pflanzenmaterial. Zehn der 25 weltweit erfolgreichsten Medikamente werden aus natürlichen Quellen und von wild lebenden Arten, also aus Pilzen, Bakterien, Pflanzen oder Tieren, gewonnen. Mit jeder Art, die ausstirbt, könnte das Ausgangsmaterial für künftige Medikamente verloren gehen. Der Weltmarkt für pharmazeutische Produkte, die aus der Nutzung natürlicher genetischer Ressourcen stammen, wird mit 75 bis 250 Mrd. Dollar pro Jahr veranschlagt. Gerade die Pharmaindustrie hat daher großes Interesse am Fortbestand eines großen Artenpools, auf den sie bei der Entwicklung neuer Arzneien zurückgreifen kann.

Man muss aber nicht gleich die globale Pharmaindustrie heranziehen, um die Leistung der Natur für die Wirtschaft zu verdeutlichen: Renaturierte Niedermoore in Norddeutschland speichern das Klimagas Kohlendioxid zum Preis von jährlich einem Euro pro Tonne. Eine Tonne des Treibhausgases durch CO2-Einsparung mittels Wärmedämmung oder effizienterer Motoren einzusparen, würde bis zu 750 Mal so viel kosten.

Die Arbeit der Forscher soll dem Thema Artenschutz zu dem Stellenwert verhelfen, den der Stern-Report dem Thema Klimaschutz gegeben hat. Der frühere Weltbank-Chefökonom Nicholas Stern hatte im Oktober 2006 einen umfassenden Bericht über die wirtschaftlichen Folgen der globalen Erwärmung vorgelegt. Er war zu dem Ergebnis gekommen, dass sich die Kosten des Klimawandels auf bis zu fünf Prozent der globalen Wirtschaftsleistung belaufen könnten, wenn nicht massiv gegengesteuert werde. In den Medien fand der Report ein breites Echo. Einige Experten hielten die von Stern geschätzten Schäden aber für zu hoch.

Die Idee, die volkswirtschaftlichen Kosten durch den Verlust biologischer Vielfalt weltweit zu ermitteln, entstand während der deutschen G8-Präsidentschaft im vergangenen Jahr. Der Report, der den Titel "The Economics of Ecosystems and Biodiversity" (TEEB) trägt, wurde vom Bundesumweltministerium und von der Generaldirektion Umwelt der EU-Kommission in Auftrag gegeben. "Die Studie soll den Stand der Dinge zusammenfassen und zugleich fundierter sein als alle bisherigen Arbeiten auf diesem Gebiet", sagt Mark Schauer, TEEB-Koordinator im Bundesumweltministerium. ".Wir wollen deutlich machen, was es kostet, wenn wir so weitermachen wie bisher."

Die Wissenschaftler, die den TEEB-Report erarbeiten, wissen sehr wohl, dass ihnen bei der Exaktheit ihrer Berechnungen Grenzen gesetzt sind. Sie wollen sich dem Problem aber wenigstens nähern: "Es geht nicht darum, den großen Summenstrich zu ziehen. Wir wollen das Thema vielmehr auf kleinere Einheiten herunterbrechen", sagt Schauer. Artenvielfalt soll nicht länger ein Thema für Naturschützer bleiben. Es geht um handfeste wirtschaftliche Interessen. Ziel der Initiatoren der Studie war es daher von vornherein, die Wirtschaft mit ins Boot zu holen. So konnte mit Pavan Sukhdev ein Manager der Deutschen Bank als Projektleiter gewonnen werden. Internationale Forschungseinrichtungen und Behörden, darunter die europäische Umweltagentur, aber auch das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig sowie Forschungsinstitute aus Industrie- und Schwellenländern arbeiten an der Studie mit.

Seite 1:

Artensterben kostet Billionen

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%