Kalifornien
San Francisco fürchtet das große Beben

Das Beben in Japan hat die Menschen in Kalifornien aufgeschreckt. Auch hier gibt es ein Atomkraftwerk, das auf einer Erdspalte steht.
  • 0

San FranciscoIch fahre nicht mehr gerne Aufzug. Treppensteigen ist gesund, sage ich mir. Doch in Wahrheit ist es dieses Unbehagen. Klappernd und ächzend müht sich die Stahlkabine die sechs Stockwerke des alten Stadthauses in Downtown San Francisco hoch. Vor wenigen Wochen noch fand ich das pittoresk. So wie die malerischen, aber undichten Holzfenster meines Apartmenthauses aus dem Jahre 1907, erbaut auf den Ruinen des großen Bebens von 1906; 15 Sekunden, die die halbe Stadt in Trümmern versinken ließen.

Heute frage ich mich, ob ich in diesem Fahrstuhl stecken will, wenn „The Big One“ wiederkommt, das nächste große Erdbeben, von dem hier alle sprechen.

Hier an der Westküste der USA ist es der berüchtigte San-Andreas-Graben, der die Menschen in seinem Bann hält. Die amerikanische und die pazifische Kontinentalplatte reiben sich aneinander, ein grimmiges Kräftemessen zweier Titanen tief unter dem Meeresboden, das sich manchmal mit tektonischer Urgewalt entlädt, Tsunamis eingeschlossen. Wer will, kann sich in eine SMS- und E-Mail-Liste der Stadt eintragen lassen, um sich im Krisenfall informieren zu lassen.

Die Angst ist ständiger Begleiter in San Francisco. Üblicherweise schläft sie tief vergraben in Unterbewusstsein. Jetzt hat sie sich wieder noch oben gekämpft, bestimmt Kneipengespräche und die politische Diskussion. Das japanische Beben hatte die 30-fache Stärke des 1906er-Bebens in Kalifornien. „Wenn so was kommt, stünde hier kein Stein mehr auf dem anderen“, sagt Pete, der am dunklen Tresen einer kleinen Bar in der Geary Street steht und auf sein Bier schaut.

Die alte Bausubstanz der Stadt ist nur notdürftig und mit hohen Kosten nachzurüsten. Nach dem letzten großen Beben im Jahr 1989 wurden alle Häuser inspiziert und auf Stabilität untersucht. Die neuen Wolkenkratzer im Finanzdistrikt sind erdbebensicher konstruiert, aber ob sie der Wucht von neun oder mehr auf der Erdbebenskala wirklich gewachsen wären, darauf will hier keiner schwören.

Ebenso wenig auf die Sicherheit des Kernkraftwerks in Diablo Canyon an der kalifornischen Küste zwischen San Francisco und Los Angeles: Die mächtigen Betondome des Diablo Canyon Nuclear Powerplant beherbergen zwei 1100-Megawatt-Siedewasserreaktoren, die Mitte der 80er-Jahre trotz massiver Widerstände der Bevölkerung in Betrieb gegangen sind.

Scheinbar unverwundbar thront die Anlage auf einer Felsplattform in 26 Metern Höhe über dem Meeresspiegel. Doch das trügt. Nur 2,5 Meilen entfernt verläuft der Hosgri-Graben, ein wichtiger Teil des San-Andreas-Grabens.

Schon die Gefahr durch diese Erdspalte wäre schlimm genug, sagen Kritiker seit Jahren. Doch der Schock kam 2008, als Geologen keine Meile von dem Kraftwerk entfernt eine weitere Erdspalte, die Shoreline-Fault, ausfindig machten. „Es ist spekulativ, aber es kann nicht völlig ausgeschlossen werden, dass die Spalte unter dem Kraftwerk verläuft“, sagt der Wissenschaftler Tom Brocher von der United States Geological Survey. „Wenn ein Beben den Fels unter dem Reaktor spalten würde, könnte das ein Desaster geben, das Japan noch übersteigt.“

Laut Betreiber PG&E ist die Anlage ausgelegt für Beben bis zu einer Stärke von 7,5. So stark war bereits 2003 ein Beben direkt vor der Küste. „Aber das wird noch besser“, regt sich Bill, ein robuster Mittfünziger, der ebenfalls in der kleinen Kneipe in der Geary Street sein Bier schlürft. PG&E hat bereits eine Laufzeitverlängerung um 20 Jahre für Diablo Canyon beantragt. Winken die Behörden das durch, wird der Nuklear-Opa bis 2045 am Netz bleiben. Doch der Widerstand formiert sich, jetzt nach Fukushima.

„Und du, bist du denn überhaupt auf ein Erdbeben vorbereitet?“, fragt mich Bill. Ich muss gestehen, nein. Er klärt mich auf: „Eine Gallone Trinkwasser pro Tag und Person für drei Tage, ein Radio mit Aufziehkurbel, Essen für 72 Stunden.“ Das sollte man neben einem gepackten Rucksack mit seinen wichtigsten Papieren, Taschenmesser, einer Trillerpfeife, Taschenlampe und Batterien bereithalten. „Vor allem Wasser“, bläut er mir, dem Frischling aus Deutschland, noch mal ein. „Wasser ist alles!“

Ich war mittlerweile einkaufen.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Kalifornien: San Francisco fürchtet das große Beben"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%