Katar
Ein Zwerg wird zum Energie-Riesen

Katar – ein Winzling auf der Landkarte mit weniger als einer Million Einwohnern – verfügt nach Russland und Iran über das drittgrößte Erdgasvorkommen der Welt. Auf dieser Basis hat sich das Land zu einem Zentrum der Gasverflüssigung und der Petrochemie entwickelt. Und es kann mit einem Superlativ protzen.

DÜSSELDORF. Der PR-Beauftragte von Qatar Gas begrüßt Besucher gerne mit einer persönlichen Frage: Ob man denn schon auf der Eisbahn gewesen sei, will er wissen. Zunächst glaubt man an einen Scherz. Schließlich ist die Halbinsel Katar eine Wüste, in der die Temperatur im Sommer schon mal die 45-Grad-Marke übersteigt. Wer denkt da an Schlittschuhlaufen? Doch ein Besuch in Dohas City Centre zeigt: Die Frage war kein Witz. In der größten Mall überlassen gestresste Eltern ihre Kids dem Eisvergnügen und widmen sich dem Shopping.

Katar verfügt über so viel Energie, dass die immensen Stromkosten nicht ins Gewicht fallen, die nötig sind, um die Eisfläche rund um die Uhr auf minus 20 Grad zu kühlen. Deshalb gibt es im selben Konsumtempel gleich noch eine zweite Eisbahn: Sie ist im streng wahhabitischen Emirat für Frauen reserviert.

Katar kann mit einem Superlativ protzen: Das North Field vor der Nordküste ist die größte bekannte Erdgaslagerstätte der Welt. Die gewaltigen Ressourcen sind die Grundlage für den Reichtum Katars. Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von rund 30 000 US-Dollar zählt das Emirat zu den wohlhabendsten Staaten der Welt. Neue Straßen und Stadtteile werden dermaßen schnell fertig gestellt, dass sich selbst routinierte Taxifahrer oft nicht mehr zurechtfinden. Wo man hinblickt, stehen Kräne. Die Bürokosten in Doha sind inzwischen fast so hoch wie in Zürich oder Frankfurt. Aktuelles Aushängeschild des Emirats ist „The Pearl“, eine künstliche Insel mit Hotels, Einkaufszentren und Luxuswohnungen. Und Ende dieses Jahrzehnts sollen auf dem neuen Mega-Flughafen 24 Millionen Passagiere pro Jahr abgefertigt werden.

Auch in die Gasindustrie, ohne die dieser gewaltige Aufschwung nicht denkbar wäre, wird kräftig investiert: Bis 2015 sollen Großprojekte für rund 100 Mrd. Dollar realisiert werden. Dabei nimmt die Verflüssigung von Erdgas, die Liquefied-Natural-Gas-Technologie (LNG) eine Schlüsselrolle ein. Da Katar an der internationalen Schifffahrtsroute zwischen Europa und Asien liegt, lässt sich der kostbare Brennstoff mit Spezialtankern leichter zu den Verbrauchern transportieren als über Pipelines. Zudem gewinnt die Technologie an Bedeutung, seit Russland im Streit mit der Ukraine und anderen GUS-Ländern kurzzeitig den Gastransport via Pipeline stoppte und damit im Westen die Furcht vor Versorgungsengpässen nährte. Klimaschützer loben auch die ökologischen Vorteile, da bei der Stromerzeugung mit Erdgas in Kraftwerken nicht einmal halb so viel Kohlendioxid anfällt wie bei der Verbrennung von Kohle.

In Ras Laffan wird Katars Gas in Bohrtürmen an der Küste gewonnen, verarbeitet und auf minus 161 Grad Celsius gekühlt. Bei dieser Temperatur geht es in den flüssigen Zustand über und nimmt nur noch ein Sechshundertstel seines ursprünglichen Volumens ein. Im März wurde RasGas Train 5 fertiggestellt, eine der größten LNG-Anlagen der Welt. Sie soll jährlich 4,7 Millionen Tonnen Flüssiggas liefern und damit Katars Gesamtproduktion auf 30,7 Millionen Tonnen erhöhen. Beliefert werden die Märkte in Asien, Europa und den USA. Bis ins Jahr 2010 werde Katar 30 Prozent des weltweiten LNG-Bedarfs decken, erklärt Naji Abi-Aad, Direktionsmitglied von Qatar Petroleum. „Wir werden damit der größte LNG-Exporteur weltweit.“ Die Hälfte der Produktion wird allein von RasGas stammen, einer Gesellschaft, die erst 1993 gegründet wurde. Für Japan, die zweitgrößte Wirtschaft der Welt, ist das Emirat einer der wichtigsten Energielieferanten. Katar deckt zwölf Prozent von Nippons Gas- und neun Prozent seines Ölverbrauchs.

Scheich Hamad bin-Khalifa al-Thani, der Herrscher von Katar, investiert in modernste Fördertechnologien, Aufbereitungsanlagen und Transportmittel. Bis 2010 will das Land 60 zusätzliche LNG-Frachter für insgesamt elf Mrd. Dollar erwerben. Damit wird das Emirat über die größte Flüssiggas-Tankerflotte der Welt verfügen. Der Scheich investiert aber auch im Ausland, da in den Abnehmerländern spezielle Anlagen nötig sind, in denen das verflüssigte Erdgas wieder erwärmt und in den gasförmigen Zustand versetzt wird. Derzeit entsteht zum Beispiel im Golden Path Port von Texas für mindestens zwei Mrd. Dollar eine Anlage, die ab 2009 Gas aus Katar aufnehmen soll, 16 Millionen Tonnen pro Jahr. Das Emirat beteiligt sich mit 70 Prozent an den Investitionen, den Rest steuern Exxon Mobil und Conoco Phillips bei.

Bei den ehrgeizigen Plänen gibt es allerdings auch schon mal Rückschläge und Verzögerungen. So zog sich Exxon Mobil im Februar wegen explodierender Projektkosten aus dem Bau einer Gas-to-Liquids-Anlage (GTL) in Katar zurück, in der Erdgas mittels Sauerstoff zu synthetischem, schwefelfreiem Treibstoff verflüssigt werden soll. Shell hält dagegen an seiner Beteiligung fest, obwohl die veranschlagten Kosten inzwischen von fünf auf 16 Mrd. Dollar gestiegen sind. Doch die Gasmanager in Doha bleiben optimistisch: Die GTL-Anlage könnte bereits in zwei Jahren produktionsbereit sein und eine der ersten der Welt werden.

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