Kernkraft gestärkt
Klimawandel gibt Befürwortern Auftrieb

Es sind keine guten Zeiten für Gegner der Atomenergie: Der Klimawandel macht die eigentlich zum Auslaufmodell degradierten Kraftwerke zu einer wirklichen Alternative in der Stromerzeugung. Auch die drastisch steigenden Ölpreise spielen den Befürwortern in die Hände.

DÜSSELDORF. Die Befürworter der umstrittenen Kernkraft haben ein neues, schlagkräftiges Argument: Die kohlendioxidfreie Energiequelle könnte helfen, den Klimawandel zu stoppen. Im jüngst veröffentlichten dritten Teil des Uno-Klimaberichts wird neben dem Einsatz von Wind- und Sonnenenergie oder einer verbesserten Energieeffizienz ausdrücklich auch die Atomkraft als Alternative genannt, um den CO2-Ausstoß zu verringern. Würden Kohlekraftwerke mit zusammen einem Gigawatt Leistung durch Atommeiler ersetzt, ließen sich pro Jahr fünf bis sechs Millionen Tonnen CO2 einsparen, betont auch die Internationale Energie-Agentur (IEA).

Allerdings wird über keine Energiequelle weltweit so ideologisch diskutiert wie über die Kernkraft. Seit der Katastrophe von Tschernobyl 1986 sind die Sicherheitsbedenken in vielen Ländern so groß, dass Atomenergie noch immer ein Tabuthema ist. Und die Frage, wie gebrauchte Brennelemente auf Dauer sicher gelagert werden können, macht vielen Bürgern Sorgen. In Deutschland wurde deshalb der Atomausstieg beschlossen. Das Kernkraftwerk Obrigheim ist bereits vom Netz, bald sollen Biblis A und Neckarwestheim folgen. 2021 soll Atomkraft überhaupt keine Rolle mehr im hiesigen Energiemix spielen.

Doch momentan verspüren die Befürworter Rückenwind – nicht nur wegen der Klimaschutzdebatte. Auch das hohe Niveau der Ölpreise oder die Zweifel an der Vertragstreue des wichtigsten Gaslieferanten Russland liefern ihnen gute Argumente. Kernenergie sei für eine sichere Versorgung unabdingbar – zumindest bis andere Techniken ausgereift und preiswert sind. Und im Gegensatz zu den schwankenden Notierungen an den Weltenergiemärkten sind die Kosten recht gut kalkulierbar. Der Bau eines Atomkraftwerks ist zwar sehr teuer, der Betrieb aber vergleichsweise günstig. Die Brennstoffkosten machen nur 15 Prozent aus, bei Gaskraftwerken sind es 75 Prozent.

In vielen Ländern erlebt die Kernkraft deshalb eine Renaissance. China und Indien, aber auch Russland wollen ihren wachsenden Energiebedarf mit neuen Kraftwerken decken. Neue Techniken wie der EPR-Reaktor, der zurzeit in Finnland gebaut wird, oder der Kugelhaufenreaktor, auf den vor allem Südafrika setzt, sollen dabei die Sicherheit erhöhen.

Momentan trägt die Kernenergie 16 Prozent zur weltweiten Stromerzeugung bei. Laut Prognose der IEA dürfte der Anteil bis 2030 auf zehn Prozent zurückgehen, wenn die politischen Rahmenbedingungen konstant bleiben und die Ablehnungsfront nicht bröckelt. Die Produktion in den Atomkraftwerken würde dann jährlich um etwa 0,7 Prozent steigen, mit dem Wachstum der Stromproduktion insgesamt (2,6 Prozent) aber nicht Schritt halten. Die IEA hat aber auch ein Alternativszenario entworfen, in dem die Kernkraft aktiv für den Klimaschutz eingesetzt wird, alte Anlagen länger am Netz bleiben dürfen und neue gebaut werden: Dann würde der Anteil am weltweiten Energiemix nur auf 14 Prozent sinken.

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