Klaus Meier
Vom Barrikadenkämpfer zum erfolgreichen Unternehmer

Atomausstieg, Energiewende und der Kampf gegen den Klimawandel haben in Deutschland neue Geschäftsmodelle entstehen lassen. Die Erfolgsgeschichte des Klaus Meier.

BerlinBrokdorf. Gorleben. Die beiden Orte stehen in Deutschland für den Widerstand gegen die Atomkraft. Hier fanden in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die großen Demonstrationen gegen die Errichtung eines Kernkraftwerks und gegen den Bau eines unterirdischen Lagers für abgebrannte Brennelementen statt. Eigentlich kann man nicht von Demonstrationen sprechen. Es waren Schlachten.

Schlachten, bei denen die Polizei Wasserwerfer und Tränengas einsetzte und Hunderte in Gewahrsam nahm. Auch die Gegenseite war nicht zimperlich. Klaus Meier weiß das noch sehr genau. Er war immer dabei. „Ich habe alle Demos mitgemacht, über weite Strecken an jedem Wochenende“, erinnert sich

Meier, ein hagerer Manager, Jahrgang 1964. Die Schlachten um Brokdorf und Gorleben sind der Nukleus der Anti-Atomkraft-Bewegung in Deutschland. Und sie sind die Keimzelle der Energiewende, der Abkehr von der Kernenergie. Sie sind der Humus, aus dem die grüne Bewegung in Deutschland keimte. Klaus Meier verkörpert wie nur wenige andere eine wirtschaftliche Entwicklung, die ohne den Widerstand gegen die Atomkraft und die Energiewende nicht denkbar wäre.

Meier ist heute Aufsichtsratsvorsitzender der wpd AG, einem europaweit führenden Entwickler und Betreiber von Windparks. Das Unternehmen hat Meier 1996 gemeinsam mit Gernot Blanke gegründet. Anfangs war ihr Belegschaftsliste einstellig. Heute beschäftigt die wpd-Gruppe 1200 Menschen. 500 davon arbeiten in der Zentrale in Bremen, der Heimat Meiers. Sein Unternehmen ist ein Paradebeispiel für die Erneuerbare-Energien-Branche in Deutschland, in der heute über 300 000 Menschen arbeiten.

Die wpd-Gruppe hat mittlerweile Windräder mit einer Kapazität von 3000 Megawatt installiert. Das entspricht der Kapazität von drei Atomkraftwerken. Meier bemüht diesen Vergleich gerne. Die Windkraft verdrängt die Kernkraft. Vor zwanzig Jahren hat es niemand zu träumen gewagt. Jetzt trägt die wpd AG

dazu bei, dass der Traum Wirklichkeit wird.

Handelsblatt-Spezial: Wo steht die Welt?
Der Klimawandel nimmt keine Rücksicht auf Grenzen. Er geht alle an. Deshalb hat sich das Handelsblatt mit Partnermedien aus der ganzen Welt zusammengetan, um zu recherchieren: Wo auf dem Globus finden sich die cleversten Einzelprojekte, um die Erderwärmung zu begrenzen? Und wo steht die Welt kurz vor dem Klimagipfel in Paris Ende November? Das Handelsblatt gibt in einem Spezial auf 12 Seiten Antworten.


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    Im Herbst dieses Jahres erst konnte Meier einem großen Publikum verdeutlichen, dass aus seinem Kampf von damals heute wirtschaftliche Großprojekte geworden sind: Am 8. September nahm wpd gemeinsam mit einer Reihe anderer Investoren den Offshore-Windpark „Butendiek“ offiziell in Betrieb, gut 30 Kilometer westlich der Nordseeinsel Sylt. 80 Anlagen mit einer Gesamtleistung von 288 Megawatt drehen sich hier im Wind. Gesamtinvestitionssumme: 1,3 Milliarden Euro. Mit Offshore-Windparks wie „Butendiek“ erreichen die erneuerbaren Energien in Deutschland eine neue Dimension.

    Zur Eröffnung kommen Honoratioren aus dem ganzen Land, Minister, Unternehmer, Banker. Erneuerbare Energien sind „big business“. Und Meier steht mittendrin. Die Anfänge waren erheblich bescheidener. „Ich war noch Rechtsreferendar, also noch nicht einmal fertig ausgebildeter Rechtsanwalt, als ich damit begann, Bauern zu beraten, die auf ihren Grundstücken Windräder bauen wollten", erinnert Meier sich heute. Grüne Enthusiasten waren solche Landwirte damals. Im Gespräch mit den Bauern findet Meier die richtige Tonlage.

    Er kommt selbst von einem Bauernhof am Rand von Bremen. Er weiß, wie Bauern ticken. Kann mit ihnen über Milchpreise und Gülle sprechen. Erst Jahre später wird daraus ein lukratives Geschäftsfeld. Anfangs ist es purer Idealismus. „Ich habe damals keinen Plan gehabt", sagt er heute. Mit den Gegnern von einst, den Betreibern der Atomkraftwerke, hat er seinen Frieden geschlossen. Die Grenzen von damals verschwimmen. Einige der Kernkraftwerksbetreiber bemühten sich heute, die erneuerbaren Energien voran zu bringen, räumt Meier ein. Vor 20 Jahren war das anders. „Die Fronten waren damals noch klar. Auf der einen Seite standen die alten Spieler, die Betreiber von Kohle- und Atomkraftwerken, die ihre Position mit Klauen und Zähnen verteidigten. Auf der anderen Seite standen Gesinnungstäter wie wir."

    Meiers Enthusiasmus indes ist ungebrochen. Die deutsche Energiewende bereitet ihm große Freude. Deutschland ist für wpd nach wie vor der mit Abstand wichtigste Markt. „Wir haben die unglaubliche Chance, hier zu zeigen, dass es geht. Wir können ein Industrieland wie Deutschland ganz überwiegend mit erneuerbaren Energien versorgen“, sagt er. Nicht nur in der Stromproduktion. Auch in den Sektoren Wärme und Verkehr misst Meier den Erneuerbaren künftig eine tragende Rolle zu.

    Das gewachsene Selbstbewusstsein der Pioniere von einst spiegelt sich in der neuen Zentrale der wpd-Gruppe wider. Das Wiener Architekturbüro Delugan Meissl hat wpd ein repräsentatives Gebäude geschneidert. Hier, am Stephanitorsbollwerk direkt an der Weser in Bremen, werden neue Projekte geplant. Und bestehende Projekte gesteuert: Im ersten Stock befindet sich die Leitwarte. Von hier aus werden Windräder in zehn Ländern weltweit überwacht. In Echtzeit laufen hier die Leistungsdaten zusammen.

    Meier ist stolz auf das, was er hier mit seinem langjährigen Geschäftspartner Gernot Blanke geschaffen hat. Und er ist stolz darauf, dass das in seiner Heimat funktioniert hat, wo er doch vor 30 Jahren noch – gemeinsam mit vielen anderen – hart für seine Ziele kämpfen musste. „Das ist ein tolles Land", sagt Meier heute. Ein Satz, der ihm früher niemals über die Lippen gegangen wäre.

    Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
    Klaus Stratmann
    Handelsblatt / Korrespondent
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