Klima-Kompromiss
Wenig mehr als nichts in Cancún

Die positive Nachricht zuerst: Der Klimagipfel in Cancún ist nicht gescheitert. Gemeinsam haben sich die Regierungschefs trotz aller Widerstände auf eine gemeinsame Linie geeinigt. Von einem Durchbruch kann dennoch keine Rede sein.
  • 2

CANCUN. Die erste Euphorie über die beim Klimagipfel in Cancún am Samstag in letzter Minute erzielten Kompromisse ist bereits verflogen. Wirtschaft, Wissenschaft und verschiedene Umweltverbände bewerten die Ergebnisse zurückhaltend.

Die internationale Staatengemeinschaft hatte sich in Cancún zu einer Reihe von Beschlüssen im Kampf gegen die Erderwärmung durchgerungen. So einigten sich die Delegierten auf Details eines Hilfsfonds für arme Länder und einen besseren Waldschutz. Die Verhandlungen über ein Nachfolgeabkommen für das Ende 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll wurden allerdings vertagt. Das Kyoto-Protokoll schreibt einer Reihe von Industriestaaten rechtlich verbindlich bestimmte Emissionsreduktionen vor und stellt den Kern des Klimaschutzes unter UN-Regie dar.

Das Ergebnis sorge in erster Linie für eine Atempause, sagte Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Alle substanziellen Punkte seien auf 2011 verschoben worden. "Man hat den Patient Weltklimavertrag am Leben gehalten, aber man hat sich nicht auf eine wirkliche Therapie einigen können", sagte er. Der Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND) sprach von "Kompromissen auf niedrigem Niveau".

Nach einer nächtlichen Marathonsitzung hatte die mexikanische Außenministerin Patricia Espinosa, die als Repräsentantin des Gastgeberlandes die Verhandlungen in Cancún leitete, gesagt, mit den Gipfelbeschlüssen sei eine "neue Ära der internationalen Zusammenarbeit gegen den Klimawandel" angebrochen. Sie erntete für ihre Verhandlungsdiplomatie viel Lob. In der Endphase drohte der Gipfel am Widerstand Boliviens zu scheitern. Espinosa setzte sich über die erbitterte Kritik der bolivianischen Delegation hinweg und erklärte, die Einwände eines einzelnen Landes könnten ein Übereinkommen von 190 Ländern nicht aufhalten.

Nach der Enttäuschung auf dem letzten Klimagipfel in Kopenhagen Ende vergangenen Jahres war der Jubel über die Beschlüsse von Cancún zunächst groß. So sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), man habe einen "wichtigen Schritt nach vorne" getan. Ähnlich äußerte sich Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), der die deutsche Delegation geleitet hatte.

Die Wirtschaft sieht das anders. Es sei zwar wichtig, dass sich die Staatengemeinschaft in Cancún zu Ergebnissen habe durchringen können, sagte ein Sprecher des RWE-Konzerns. "Jenseits von Absichtserklärungen kommt es nun darauf an, an konkreten Inhalten zu arbeiten", sagte er. RWE gehört mit seinen Braunkohlekraftwerken zu den größten Emittenten von Kohlendioxid in Europa und verfolgt die Klimaschutzdiplomatie daher besonders aufmerksam.

"Klimaschutz nicht auf

wenige Länder beschränken"

Unternehmen mit starken Kohlendioxidemissionen sind daran interessiert, dass Minderungsziele künftig möglichst weltweit gelten. "Praktischer Klimaschutz darf nicht wie bislang auf wenige Länder beschränkt bleiben", hieß es bei RWE. Die EU solle weiter für ihre bewährten Instrumente wie den Emissionshandel werben und sie ausbauen.

Skeptisch äußerte sich der Verband der Chemischen Industrie (VCI). Die deutsche Wirtschaft brauche "ein echtes Klimaschutzabkommen, das für weltweit gleiche Rahmenbedingungen sorgt und nicht nur Absichtserklärungen enthält", sagte VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann. Europa müsse nun auch den Rest der Welt zu konkreten Zusagen bei der Minderung von Treibhausgasen bewegen. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) bewertete Cancún als "Trippelschritt auf dem Weg zu einem weltweiten Klimaabkommen".

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Klima-Kompromiss: Wenig mehr als nichts in Cancún"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Zu ihrem bericht über den Klimagipfel in Cancun möchte ich anfügen, dass wir uns auch täglich beim Essen klimafreundlich verhalten können, indem wir auf übermäßigen Fleischkonsum verzichten und grundsätzlich Produkte aus der Massentierhaltung ablehnen. in einem bericht der Vereinten Nationen (FAO) aus dem Jahre 2006 heißt es, dass sich die Viehhaltung als einer der zwei oder drei wichtigsten Verursacher unserer größten Umweltprobleme herausstellt. Und im Oktober 2009 hat das renommierte World Watch institute eine neue alarmierende Zahl veröffentlicht: Danach sind für die Treibhausgasemissionen 51 Prozent der von Menschen für den menschlichen Konsum geschaffene Tierbestand und „unsere Gier nach frischtoten Tieren“ (Süddeutsche Zeitung vom 9. Januar 2010) auf unserem Speiseplan verantwortlich. in diesem Zusammenhang sagte z.b. der Präsident desUmweltbundesamtes, dass wir „unseren hohen Fleischkonsum überdenken sollten!“ Außerdem empfahl er, „die Rückkehr zum Sonntagsbraten und eine Orientierung an die mediterranen Ernährungsgewohnheiten. Das tue nicht nur der Gesundheit gut, sondern auch dem Klima.“ Jeder von uns kann also seinen „eigenen“ beitrag für eine bessere Umwelt leisten, in dem er sich auch beim Essen umweltfreundlich verhält und möglichst keine „Tiere“ mehr isst. bereits Albert Einstein meinte im vorigen Jahrhundert, „nichts wird die Chance auf ein Überleben auf dieser Erde so steigern, wie der Schritt zur vegetarischen Ernährung“.

  • ist dieser beitrag eigentlich als zynischer Witz über den politisch-wirtschaftlichen irsinn gedacht? 190 Nationen mit völlig uneinheitlichen interessen streiten tagelang um kleinste Vortschritte, was ein Gutteil der schlimmsten Umweltverschmutzer in Deutschland dann als "klein-klein" abtut?

    Wirft die dt. Wirtschaft, die Atommeiler und Kohleabbau an den Tropf des Steuerzahlers hängt, nicht mit ziemlich großen Steinen im brüchigen Treibhaus, an dessen Errichtung sie maßgeblich beteiligt war?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%